Sarah McCoy bei der jazzopen Stuttgart 2022

Sarah McCoy, Piano und Gesang
Jeff Halam, Bass
Antoine Kerninon, Drums und Machines

Stuttgart, 8.7.2022

Love is a fucking Nightmare

Love is a fucking Nightmare – Oder die musikalische Urgewalt, die aus dem Herzen kommt. Sarah McCoy im Jazzclub Bix

Ein Piano in Dämmlicht getaucht, eine kräftige Frau mit Piercings, avantgardistisch geschminkt, sitzt davor. Die Luft scheint vor Energie zu vibrieren, die Sängerin beginnt flüsternd, säuselnd, abgetaucht in sich und ihre innere Welt. Sekunden später brüllt und spuckt sie die Worte und Gesangslinien mit einer markerschütternden Contralto-Stimme in den Raum. Was musikalisch in den nächsten 90 Minuten im BIX passierte, war wohl hier, in dieser Intensität selten zu hören und zu sehen.

Sarah McCoy, die amerikanische Sängerin, die am zweiten Tag der jazzopen in Stuttgart zu später Stunde im Jazzclub Bix auftrat,  wuchs im ländlichen South Carolina auf. Als sie 15 war, starben Vater und Großmutter innerhalb weniger Tage. Ihre Rettung, so will es die Legende, war die Musik, sogar der Klavierunterricht half. Als Erwachsene trampte sie nach Kalifornien, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, machte Straßenmusik, lebte in einem Wohnwagen in der Küstenstadt Monterey. Ein hartes Leben, wie sie im Laufe des Konzertes erzählte. Nicht selten schlief sie unter Brücken, sang und spielte in kleinen Clubs in den Kneipen vor Betrunkenen im French Quarter in New Orleans: das Schicksal vieler KünstlerInnen. Sarah McCoy ist an dieser Ausnahmesituation gewachsen. „Ich spielte, wo man mich ließ“, erinnert sich die Sängerin. „Und wenn ich zwei Stunden für drei Betrunkene singen musste, egal, irgendwie musste ich ja durchkommen.

Man spürt und fühlt es, dass Sarah McCoy sich in den Niederungen des Lebens bewegt hat. In den Songs und in ihren Ansagen, spiegelt sich der Kampf in der Gosse und die Härte dieser Prüfungen, die sie durchleben musste wieder. Eine Kämpfernatur hat sich im Laufe dieser entbehrungsreichen Jahre herausgebildet und sie inzwischen zu einer der eindrucksvollsten Erscheinungen auf der Jazzbühne gemacht.

Der Durchbruch kam im April 2017, als Sarah in Paris im Vorprogramm von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales spielte, die ihr gemeinsames Album „Room 29“ präsentierten. Noch am selben Abend lud Chilly sie ein, im Studio ein paar Testaufnahmen zusammen mit seinem Co-Produzenten Renaud Letang zu machen. Der aus dem Iran stammende Künstler ist der Kopf hinter erfolgreichen Alben von Künstlern wie Feist, Manu Chao, Seu Jorge, Jane Birkin und Jamie Lidell. Die Testaufnahmen gerieten fabelhaft. Im Oktober zog Sarah endgültig nach Paris, im Februar 2018 nahm sie mit Gonzales und Letang für Blue Note Records ihr Album „Blood Siren“ auf. Chilliy Gonzales entwickelte sich zu einem großen Förderer der extravaganten Künstlerin und gab dem jazzopen-Macher Jürgen Schlensog den Tipp, Sarah einmal einzuladen und so landete Miss McCoy im Rahmen der Stuttgarter jazzopen im Bix.

Nach vier Solostücken, die eindrucksvoll zwischen Blues, Jazz, Film-Noir-Pop und Unterwelt-Kabarett schweben und den Zuhörer mit Schönheit und leisem Schrecken umgarnen, gesellen sich unauffällig ihre zwei musikalischen Mitstreiter Jeff  Halam am Bass und Antoine Kerninon an den electric drums / Synthesizer. Ein schlichtes, aber effektvolles Bassspiel, dezente Electric Drums untermalen das mal kraftvolle, mal zarte Klavierspiel. Stück für Stück steigert sich die Soundintensität und auch die Raumtemperatur im heimeligen Jazzclub scheint parallel zu dieser Energie zu steigen. McCoys massiger Körper integriert sich in das Spiel und in den immer infernalischer werdenden den Gesang.

„I am a monster, I am the beast“, jedes rotzig rausgeschleuderte Textfragment nimmt man ihr ab, bei jedem säuselnden Wort hört man gebannt zu. Wenn sie singt, geht es für sie um alles, als wäre es das letzte Mal. An diesem Abend konnte sich keiner diesem Sog, dieser Intensität entziehen. Selbst Veranstalter Jürgen Schlensog, der wohl schon einiges in seinem Konzertleben gesehen und gehört hatte, kommentierte die Vorstellung des Abends gegen Ende des Konzertes mit einem unüberhörbaren Oh my God! Bei der Zugabe, die ohne Begleitung und ohne Mikro von statten ging, kam nochmal das Monster, das Sarah McCoy in sich trägt, zu Vorschein. Den Rhythmus stampfend und klatschend, schleuderte sie zu Ehren von Etta James nochmal alles, was in ihr steckte heraus. Schreiend, tanzend, fast am Boden liegend schrie sie die Textzeilen ins Publikum, nicht zuletzt um die Leute wohl wissen zu lassen, dass das Monster in jedem von uns existiert.

Harald Kümmel