Marcus Strickand’s Twi-Life Quartet im Sudhaus Tübingen 2018

Marcus Strickland, sax
Mitch Henry, keys
Kyle Miles, bass
Jonathan Barber, drums

Tübingen, 7.4.2018

Schlagkräftiger Sound

Marcus Strickland’s Twi-Life mischen mit ihrem Funkjazz-Mix das Tübinger Sudhaus auf

Keine Frage, die Band Twi-Life um den New Yorker Saxofonisten Marcus Strickland hat musikalisch einiges drauf – und sie steht nicht zuletzt für einen bezwingenden Neuerergeist. Der zweistündige Auftritt im Sudhaus gestaltete sich jedenfalls wach, explosiv und voller Überraschungen.

Nicht ohne Grund gehört Marcus Strickland seit Jahren zur renommierten Blue Note Allstar Band und wird als einer der aktuellen Shootingstars der New Yorker Jazzszene bezeichnet. Er ist der Kopf dieses explosiven Quartetts. Er hält die Fäden in der Hand, ist für so gut wie alle Kompositionen zuständig und sorgt dafür, dass die drei anderen, sehr differenten Charaktere an einem Strang ziehen. Sein kräftiger Saxofonklang ist nicht nur unverwechselbar, akzentuiert und eindringlich, sondern kann auch stählern und schneidend sein. Man spürt, dass sorgfältig an ihm geschliffen wurde und dass der 39-jährige Saxofonist nicht nur viele Töne spielen kann, sondern auch die Kunst beherrscht, sich zum richtigen Moment zurückzunehmen.

Jede Menge Virtuosität, Rhythmus und die reine Lust am Spiel

Von Beginn an produziert das Quartett bei seinem Sudhaus-Auftritt einen schlagkräftigen Sound, der auf das Auditorium förmlich losspringt und vom ersten Takt an klar macht, worum es hier in den nächsten zwei Stunden gehen wird: um jede Menge Virtuosität, Rhythmus und die reine Lust am Spiel. Die Vier lieben es, ihre Musik an die Ränder zu treiben, wo die Konturen ausfransen, die Töne kippen und die Klangschärfe bedrohlich zunimmt. Unplugged ist die Sache von Marcus Strickland’s Twi-Life jedenfalls nicht. Auch nicht Understatement. Sie wollen zeigen, was sie können. Und das ist einiges.

Mal jagen Saxofonist Strickland, Organist und Keyboarder Mitch Henry, Bassist Kyle Miles und Drummer Jonathan Barber die Klänge an ihre Grenzen, im nächsten Moment streuen sie Hip-Hop-, Afrobeat- oder gar kurze Volksmusik-Anleihen von Béla Bartók ein. Alles ist auf Vielfalt ausgelegt und atmet die Sehnsucht nach einer neuen Freiheit jenseits des totgelaufenen Free Jazz. Doch trotz aller Grenzenlosigkeit bleibt der Jazz immer funky und es pulsiert stets ein unwiderstehlicher Rhythmus im Untergrund. Strickland präsentiert sich nicht als Zehnkämpfer seines Fachs, sondern als filigraner Strippenzieher, der weiß, wann er die entscheidenden Akzente setzt. Einer, der nicht zur Ruhe kommt, der unentwegt zündelt, der Feuer legt und Großbrände verantwortet.

Seine drei Mitstreiter, vor allem Organist und Keyboarder Mitch Henry, denken gar nicht daran, Strickland in seinem Expansionsdrang einzudämmen. Im Gegenteil. Sie gießen Öl ins Feuer, das er entfacht und offenbaren dabei eine gestalterische Kraft, die es wirklich nur im Jazz gibt. Dennoch wenden sich ein paar Besucher verschreckt ab vor so viel trunkener und zuweilen auch lautstarker Spiellust und verlassen das Konzert vor der Zugabe. Jedenfalls sind sie zu früh gegangen. Denn zum Schluss werden die Töne nochmal smoother, weicher und samtener.

Jürgen Spiess

Portraits von Marcus Strickland