Pippo Pollina und Roberto Petroli im echaz.Hafen Reutlingen

Pippo Pollina und Roberto Petroli im echaz.Hafen des franz.K Reutlingen 2021

Pippo Pollina, voc, g, keys
Roberto Petroli, as, ts, cl …

Reutlingen, 9.7.2021

Pippo Pollina beim echaz.Hafen Kultursommer des Reutlinger franz.K

Mit über 4000 Konzerten europaweit gehört er zu einem der beliebtesten italienischen Liedermacher. Begleitet wurde er vom exzellenten Saxophonisten Roberto Petroli.

Dem gut gefüllten Freiluftgelände vor dem Franz K. war es wohl geschuldet, dass eine Open Air Veranstaltung mit 3G-Regeln aufwartete. Bei einer 7-Tages-Inzidenz von rund 5 sollten diese eigentlich keine Rolle spielen. Anders hier: Die Besucher saßen dicht an dicht und mussten das ganze Konzert über Masken tragen. Das verwunderte auch den Protagonisten des Abends: „Ich erkenne euch nicht mit diesen Masken, es ist furchtbar! Schade, nicht eure ganzen Gesichter sehen zu können…“, begrüßte der sizilianische Cantatore Pippo Pollina sein Publikum.

Warum findet man einen Liedermacher auf eine Jazzreportagen-Seite? Die Antwort darauf gab vornehmlich sein kongenialer Mitstreiter Roberto Petroli, dessen Wurzeln, wenn auch zunächst klassisch ausgebildet, im Jazz liegen. Der Klarinettist/Saxophonist ist, allem voran, jedoch Musiker. Seine Leidenschaft dient, ungeachtet jeglichen Genres, dem Ausdruck. Das stellte er, nach einer Aufwärmphase Pippos mit dessen Pianospiel und charismatischer Stimme, unmittelbar unter Beweis. Zart umgarnte Petroli die tiefgründigen Songs Pollinas mit bestechendem Ton. Dieser kam anfangs von seinem EWI (Electronic Wind Instrument) bevor er schließlich zu Tenor-, Alt,- und Sopransaxophon griff. Hatte er hier schon Riffs mit überragenden Blastechniken zu bieten, zeigte er auf der Klarinette, dass man lange suchen muss, um ähnliche Virtuosität auf diesem Instrument zu finden. Große Klarinettisten und Lehrer wie Guy Deplus oder Antony Pay prägten seine Spielweise, aber auch Begegnungen mit Henghel Gualdi, Chet Baker oder Gerry Mulligan hinterließen sicherlich Spuren. Seit über 10 Jahren wertet Petroli mit seinem Spiel Pollinas Musik auf wie kein anderer. In der Regel tritt Pollina mit Band auf. Auf der aktuellen Tour setzte er lediglich auf Petroli, was die Aussagekraft seiner Songs bestens unterstreicht. Auf sein Einfühlungsvermögen ist Verlass und seine solistischen Höhenflüge wurden in Reutlingen begeistert beklatscht.

Man muss leben!

Ein wenig Dolce Vita und Lebensfreude in einer Zeit, von der auch Pollina sagt, wie fatal es ist, der Angst zu verfallen: „Man muss leben! Wir sind immer von Risiken umgeben“. Neben Gitarre und Klavier spielte Pollina auch die sizilianische Rahmentrommel Tambureddu und erweckte mit geschlossenen Augen fast den Eindruck, als ob da ein Drum Kit im Einsatz wäre: Phänomenale Technik trifft auf ausgeprägtes Rhythmus-Feeling! Es zeichnet Pollina aus, dass er eben nicht nur den Cantatore kann, sondern ein fundiertes Musikstudium, gepaart mit einer innovativen Lyrik-Gabe aufweisen kann.

Pippo Pollina selbst hat auch immer wieder mit Jazzmusikern gespielt. Charlie Mariano war sicher der bedeutendste unter ihnen. Doch wie auch Petroli, geht es ihm in erster Linie darum, mit authentischem Ausdruck Menschen zu erreichen. Mit seinem „Best of“-Programm ist ihm das wieder einmal gelungen. Ob es an diesem Abend nun „Mare, Mare, Mare“, „Sambadio“, „Finnegan‘s Wake“ oder „Caminando“ war, alle Titel zauberten vermutlich ein Lächeln in die Gesichter der Pollina-Fans, für die Künstler aufgrund der Maskerade leider unsichtbar. Die Lockdown-Zeit hat Pollina genutzt, neue Stücke zu komponieren. Ab Januar 2022 sollen sie dann auf einer Deutschland/Österreich – Tournee mit dem Palermo Acoustic Quintet zu hören sein. Ganz sicher wird dann auch Petroli wieder mit von der Partie sein, sowie dessen „Roberto Petroli Trio“- Partner Gianvito di Maio (keys). Weiter Begleitmusiker mit Jazzwurzeln sind zu erwarten, genauso wie die treue Pollina-Gefolgschaft, die keinen Weg scheut, den Cantatore zu erleben.

Bernd Epple

Portraits von Pippo Pollina

Portraits von Roberto Petroli