Miles Davis Story – Die frühen Jahre

Teil 1: Die frühen Jahre von Miles (1945–1960)
Vorbemerkung:
Miles Davis zählt zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Jazzgeschichte. Als Trompeter, Flügelhornist, Bandleader und Komponist prägte er den modernen Jazz über Jahrzehnte hinweg. Bereits in den ersten 15 Jahren seiner Karriere wirkte er an mehreren entscheidenden Entwicklungen mit: am Bebop, am Cool Jazz, am Hard Bop, am Modal Jazz und an groß angelegten orchestralen Projekten.
Die nachstehenden Ausführungen basieren auf Manuskripten, die der Autor für zwei Jazzsendungen des Radiosenders Radio 700 schrieb. Diese wurden überarbeitet und ausführlich ergänzt. Der erste Teil dieser Artikel-Trilogie zeichnet seinen Weg von den New Yorker Anfangsjahren über „Birth of the Cool“ und „Kind of Blue“ bis hin zu „Sketches of Spain“. Der zweite Teil beleuchtet die sechziger Jahre bis 1991, der dritte behandelt Miles musikalische Beiträge zu Filmen und seine Mitwirkung in Filmen.
Die Anfänge von Miles Davis
Miles Davis wurde 1926 in Alton, Illinois, geboren und starb 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Er entstammte einer wohlhabenden, musikbegeisterten Familie der afroamerikanischen Mittelschicht. 1944 begann er ein Studium an der renommierten Juilliard School in New York. Doch schon bald zog es ihn stärker in die Jazzclubs der Stadt als in den akademischen Lehrbetrieb. In seiner Autobiografie „Miles“ beschreibt Davis, dass eine seiner Zielsetzungen darin bestand, Charlie Parker und Dizzy Gillespie zu finden, um mit ihnen zu spielen. Bei seiner Suche traf er auf Musiker wie Coleman Hawkins, Jimmy Cobb, Thelonious Monk und Dexter Gordon.
1945 engagierte Parker den jungen Trompeter für sein Bebop-Ensemble. Dies wurde seine eigentliche Lernphase im Jazz. Parallel dazu arbeitete Davis bereits als eine Art Freelancer, unter anderem mit Lester Young, Benny Carter, Art Blakey, Billy Eckstine oder Sonny Stitt. Zwischen 1945 und 1948 entstanden zudem mehrere Platten unter dem Titel „The Complete Charlie Parker Vol. 1 bis Vol. 5“; u. a. sind folgende Einzeltitel interessant: „Now’s the Time”, „Ko-Ko”, „Billie’s Bounce”, „Hot House” oder „Blues for Alice”. Doch so eindrucksvoll die Bebop-Ära auch war: Schon früh zeigte sich, dass Davis sich nicht dauerhaft an die stilistischen Mittel des Bebop binden würde. Er suchte nach einer anderen Klangvorstellung.

Miles Davis und der Cool Jazz
Im Jahr 1948 gelang Miles Davis der entscheidende Schritt: Mit der Gründung eines kurzlebigen Nontetts: Miles Davis & His Tuba Band löste er sich aus der Umklammerung des Bebop. Zum Kern des Ensembles gehörten unter anderem Lee Konitz, John Lewis, Gerry Mulligan und Max Roach. Zum ersten Mal arbeitete Miles mit dem Arrangeur und Komponisten Gil Evans zusammen. Kritiker nennen die Radio-Aufnahmen die Geburtsstunde des Cool Jazz. Die genannte Partnerschaft sollte in den folgenden Jahren zu einem der prägendsten Kapitel seiner Karriere werden.
Miles schreibt in seinen Memoiren, dass die Zusammenarbeit mit Evans ihn dazu brachte, verstärkt Kompositionen zu schreiben. So entstand 1949/1950 das bahnbrechende Album „Birth of the Cool“. Reiz und Wirkung dieses Werks liegen vor allem in seiner andersartigen Instrumentierung, deren Grundlage die Tuba-Band geschaffen hatte. Im Vergleich zum Bebop wirkt die Musik weniger hart und weniger gehetzt. Das Zusammentreffen von Gil Evans als Arrangeur und Miles Davis als Improvisator bezeichnet der deutsche Jazzkritiker Joachim E. Berendt als einen der größten Glücksfälle der Jazzgeschichte. In den fünfziger Jahren experimentierte Davis dann weiter – mit Sextett-, Quintett- und Quartettbesetzungen. Viele jüngere Jazzer fanden in diesen Formationen den Anschluss an die Szene und entwickelten sich dabei zu späteren Jazz-Stars.

Plattencover „Birth of the Cool”
Die fünfziger Jahre: Aufbruch, Bewährung, Neuausrichtung
Anfang der 1950er Jahre hatte sich Miles Davis durch seine Zusammenarbeit mit John Coltrane, Sonny Rollins, Coleman Hawkins oder Oscar Pettiford längst den Ehrentitel „The King of the Cool“ erarbeitet. Eine triumphale Europatournee im Jahr 1949 setzte dem Ganzen die Krone auf. Doch während sein Ruf wuchs, war die Lage in seinem Alltag nicht immer stabil. Von Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre arbeitete Davis überwiegend ohne feste Band. Er geriet in dieser Zeit in Kontakt mit Rauschmitteln, wie seiner Autobiographie zu entnehmen ist. Zeitgenossen berichten über cholerische Ausbrüche während Studioaufnahmen. 1955 trat er mit einem Quintett beim Newport Jazz Festival auf. Dieses Konzert gilt bis heute als einer der wichtigsten Momente in der Jazzgeschichte: Es bedeutete für Davis ein Comeback, nach einer Phase persönlicher und beruflicher Schwierigkeiten. Kurz darauf wählte ihn das Magazin „Down Beat“ zum Trompeter des Jahres 1955.
Im Herbst 1955 gründete Miles Davis ein Quintett, das neue Maßstäbe setzte. Bei seiner Plattenfirma Columbia nahm er das Album „Round About Midnight“ auf. Neben John Coltrane gehörten Philly Joe Jones – oftmals beschrieben als „rhythmischer Hexenmeister des Hardbop“ – Red Garland am Klavier und Paul Chambers am Bass zum Ensemble. Erste Anklänge an Modal Jazz sind zu hören. Jedes Thema der Platte ist wohlbekannt und in vielen Versionen tausendfach gespielt worden. Ideenreichtum, dunkler, melancholisch-wehmütiger Klang und spannende Improvisationen macht dieses Werk einmalig.
Das modale Maß aller Dinge
Miles war 1955 zu dem Label Columbia gewechselt. Jetzt konnte er sich auf die finanzielle Stabilität bei der Plattenfirma stützen, wobei Columbia als Hintergrund und als Raum für größere Pläne diente. Mit seinem Sextett in der Besetzung John Coltrane (Tenorsaxophon), Cannonball Adderley (Altsaxophon), Bill Evans (Klavier), Paul Chambers (Bass) und Jimmy Cobb (Schlagzeug) nahm Miles schließlich das bahnbrechende Modal-Jazz-Album „Kind of Blue“ auf. Stücke wie „So What“ oder „Blue in Green“ prägen bis heute den Klang dieser Platte. Gil Evans war u. a. an dieser Platte als Ideengeber beteiligt. Wie schon in früheren gemeinsamen Arbeiten war deutlich geworden, worauf es Davis ankam: auf Klangfarben, auf Spannung, auf weite musikalische Räume. Im Prinzip kann man diese Platte als vom Ansatz her verwandt mit der Filmmusik „Ascenseur pour l’ échafaud“ betrachten. Wir kommen in Teil 3 auf dieses Werk zurück.
Ein weiteres Meisterwerk von Miles und Gil Evans erschien 1959. Hier hatte der Arrangeur 15 Motive aus Gershwins Oper „Porgy and Bess“ ausgewählt und arrangiert. Wieder lautete die Einschätzung eines Kritikers ähnlich: „Gil Evans realisierte ein seltenes Spannungsfeld zwischen Komposition und Improvisation mit märchenhaften Klangfarben“. 1960 folgte „Sketches of Spain“. Hier erreichte die Zusammenarbeit zwischen Miles Davis und Gil Evans eine besondere Intensität. Gil Evans verbindet spanischen Folklore mit Modal-Jazz-Elementen. Besonders das Stück „Concerto for Aranjuez“ ist Kult in der Jazz-Gemeinde. Das Album lässt sich bis heute kaum in einfache Kategorien pressen: Es ist Jazz, es ist Klangmalerei, es ist orchestrale Erzählkunst. Über allem aber steht dieses unverwechselbare Spiel von Miles, das kontrolliert, zurückhaltend und manchmal fast einsam klingt.

Quellen
Miles Davis/Quincy Troupe: Miles Davis – Die Autobiographie, Hoffmann u. Campe, 1. Auflage 1990
George Cole: The Last Miles – The Music of Miles Davis 1980 – 1991, Equinox Publishing Ltd., 2006
Jacques Ferrandez: Miles Davis, Editions Bdmusic 2010
Stefan Hentz: Miles Davis – Sound eines Lebens, Reclam Verlag 2026
Peter Wießmüller: Miles Davis – Sein Leben, Seine Musik, Seine Schallplatten, Oreos Verlag, 2. Auflage 1988
Mike Dibb: The Miles Davis Story, DVD 2002 (BBC Dokumentation)
Jazz im Film SendemanuskriptMilesDavisTeil1.pdf
Jazz im Film SendemanuskriptMilesDavisTeil2.pdf
Wikipedia
Teil 2 und 3 folgen
