Konzerte

Nick Cave & The Bad Seeds bei den jazz open stuttgart 2026

Nick Cave begeistert den ausverkauften Schlossplatz

Nick Cave – Vocals, Piano
Warren Ellis – Violin, Keys, Guitar
Colin Greenwood – Bass
George Vjetica – Guitar
Larry Mullins – Drums
Carly Paradis – Keys
Wendy Rose – Singer
Janet Ramus – Singer
Travis Cole – Singer
Mica Townsend – Singer

Stuttgart, 6.7.2026

Die gewaltige musikalisches Poesie eines „Predigers des Rock ’n‘ Rolls“

Nick Cave gibt gleich zu Beginn seines gut zweieinhalb Stunden langen Auftritts die Richtung vor, volle Aufmerksamkeit auf das musikalische Kunstwerk, welches er an diesem Abend erbaut und mit „Get ready for Love“ auch den thematisch roten Faden der sich durch seine emotional imposante Darbietung zieht. Ihm war wohl zu Ohren gekommen, dass die sogenannten VIP´s in den Logen sich mehr mit Champagner-Zuprosten und geselliger Unterhaltung beschäftigen, statt sich den diversen meist  musikalischen hochwertigen Performances auf der großen Bühne des Schlossplatzes zu widmen. Gelbe Karte für die Logen, aber das war schnell vergessen, denn der unwiderstehliche Sog den der Sänger von der ersten Sekunde an erzeugt, dem kann sich kaum jemand entziehen. Nick Cave ist ein multimedialer Künstler, ob als schreibender und singender Poet, Schauspieler, Drehbuchschreiber oder Regisseur, er ist eine absolute Ausnahmeerscheinung in der Kulturszene und dass er einen seiner selten Auftritte in Stuttgart hat, ist wie eine Art Ritterschlag für das Festival.

Auge in Auge und auf Tuchfühlung mit den Fans

Berührungsängste kennt der Musiker vermeintlich keine, er steht beständig in visuellem und einem intensiven körperlichen Kontakt zu den Fans. Nicht selten lässt er sich in die dicht gedrängte Menge des Front of Stage Bereiches fallen, dann ergreift er wieder Hände und lässt diese über längere Zeit nicht los. Dabei schreit, knurrt, schluchzt, predigt, schimpft er und schleudert auf diese unbeschreibliche Art und Weise seine Texte, die von Liebe, Verlust, Träumen, Verdammnis, von Tod und Teufel handeln, ins Publikum. Dann wandelt und rast er wieder, gekleidet in einen schicken schwarzen Designeranzug, geschmeidig und scheinbar mühelos über den Steg der Jazz Open Bühne. Wer sich hier einen Platz in vorderster Front „erkämpft“ hat, erlebt Einzigartiges. Immer wieder geht Cave geht auf Tuchfühlung; die meiste Zeit, wenn er nicht in die Tasten seines Yamaha-Flügels donnert, steht er unten und badet in der Menge. Schon nach kurzer Zeit macht sich Begeisterung und Glückseligkeit unter den Tausenden breit.

Der Albtraum eines Rockpoeten „Jazz“!

Mit dem Jazz steht Cave scheinbar irgendwie in einem Konflikt, immer wieder schmunzelt er und murmelt vor sich hin: Jazz, das ist für Euch ihr Jazzliebhaber! Was natürlich ironisch gemeint ist und darin gipfelt, dass er mit seiner Band mal nur kurz für eine halbe Minute eine Freejazz-Einlage zum Besten gibt. Ist doch wie er Anfangs erläutert, als die Sonne noch auf den Schlossplatz „brezelt“, das Tageslicht und Jazz sein größter Horror. Doch dann geht die Show des tiefgläubigen „Wanderpredigers“ im maßgeschneiderten Zweireiher weiter, mal episch laut und intensiv, mal bluesig-balladesk, mal hymnisch und berührend. Das Gospel-Quartett sorgte mit beseelten Background-Vocals für den göttlichen Touch und die Band um den engste Weggefährten von Cave, den Multiinstrumentalisten Warren Ellis sorgen für den mal dröhnenden, mal sanft und emotionalen Sound an diesem denkwürdigen Abend. Die Bad Seeds – aktuell besetzt mit Colin Greenwood am Bass, der Keyboarderin Carly Paradis, dem Gitarristen George Vjestica sowie Larry Mullins an den Drums folgen dem schwarzen Prediger auf seiner Pilgerreise treu ergeben und mit individueller musikalischer Klasse.

Eine perfekte Technik für ein „Gesamtkunstwerk“

Nicht zuletzt, sorgen ein perfekt eingestelltes Soundsystem, das einen kristallklaren, differenzierten Klang erzeugt und die visuelle Umsetzung für ein musikalisches Gesamtkunstwerk, das in dieser Perfektion selten auf dem Schlossplatz in den letzten Jahren zu sehen war. Die Kameras zeichnen die Livebilder in klassischem Schwarz-Weiß ein; auf den Monitoren können die weniger weit vorne stehenden Fans die sinnliche Beziehung, die der Prince of Darkness mit seiner treuesten Gefolgschaft eingeht, hochaufgelöst mitverfolgen. Opulente Balladen wie „Mercy Seat“, verwirrende musikalische Werke wie „Hollywood“, oder eine groovige Version von “Red Right Hand“, alles wirkt wie aus einem Guss, aber zutiefst berührend oder erschütternd. Es ist teilweise eine Reise in das Herz der Finsternis, auf die man sich in diesem Konzert einlässt und jede Show ist für Cave auch ein Akt der Trauerbewältigung, mit der er durch die Liebe zum und vom Publikum seine zutiefst schmerzhaften Erfahrungen und Lebensereignisse (seine zwei Söhne kamen unter unglücklichen Umständen ums Leben) zumindest teilweise therapiert. Auch traurige Balladen wie der „Weeping Song“ oder „Joy“ dringen tief ins Herz der Zuhörer ein, bewegend und wunderschön und die textsicheren „Cave-Fans“ singen voller Inbrunst mit.

Ein göttliches Finale an einem historischen Abend

Nach über zwei Stunden „musikalischer Bewegungsarbeit“, in der Cave fast unablässig über die Bühne tobte, rannte und sprang, bewegt sich der fast 70-jährige immer noch geschmeidig und mühelos, was wahrscheinlich nur wenigen Männern in diesem Alter gelingt. Und wie in einem Mantra wiederholt er immer wieder, dass die Liebe und der Glaube ihm und allen Verzweifelten und Verirrten die Hoffnung für das Leben geben kann und gibt. Dies unterstreicht er nach gut zweieinhalb Stunden mit seiner Zugabe. Da wirkt der dürre Mann mit den schwarzen Haaren zu ersten Mal zerbrechlich, verloren und verletzbar, so ganz alleine ohne musikalische Mitstreiter auf der riesigen Bühne der Jazz Open. „Into my Arms“ einer der zartesten Balladen des Sängers wird zusammen mit dem Publikum regelrecht zelebriert und in solch einer schönen Art  und Weise dargebracht, dass man den göttlichen Funken in sich spüren könnte und die ein oder andere Träne kullerte dann doch über die Wangen einiger Zuschauer am Ende dieses wahrhaft historischen und unvergesslichen Musikabends auf dem Stuttgarter Schlossplatz bei den Jazz Open 2026.

Harald Kümmel

Setlist

Get Ready For Love
From Her To Eternity
Train Long Suffering
Wild God
O Children
Tupelo
Carnage
Joy
Rings Of Saturn
Bright Horses
Henry Lee
Mercy Seat
Papa Won’t Leave You, Henry
Red Right Hand
Jubilee Street
Hiding All Away
Hollywood

und Zugaben

Schauen Sie in den nächsten Tagen wieder vorbei – mehr Konzertfotos von diesem Ereignis folgen in den nächsten Tagen…

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