Jimmy Smith-Story

Klaus Huckerts Jazz Ecke
Klaus Huckerts Jazz Ecke

Jimmy Smith-Story – Der Magier des Hammond B3-Sounds

Es gibt nur wenige Jazzmusiker, die über mehrere Jahrzehnte mit ihrem Instrument – hier der Hammondorgel – den Jazzsound so nachhaltig geprägt haben wie Jimmy Smith. Im Jazz war die Orgel bis Anfang der fünfziger Jahre ein relativ seltenes Instrument. Einsatzgebiete waren in Kirchen, große Klassik-Konzertsäle oder Kinos. Einer der ersten großen Jazzmusiker Fats Waller arbeitete in den zwanziger Jahren u.a. als Begleit-Organist in Kinos. Ein gelehriger Schüler war damals der junge Count Basie, der von Fats im Improvisationsspiel unterrichtet wurde. Mitte der dreißiger Jahre wurde dann die Hammond-Orgel entwickelt, die mit ihrem neuen, revolutionären Klang die Jazzwelt aufhorchen ließ. Anfang der fünfziger Jahre war als Meister dieses Instrumentes Wild Bill Davis im Jazz aktiv. Jimmy Smith, der Davis in einem Konzert hörte, war total begeistert vom neuartigen Klang der Orgel.  Nach einem Jahr intensiven Übens an dem für ihn neuen Instrumentes ging Jimmy in die Öffentlichkeit.  In der Jazzszene wurde der Klang von „Orgel-Trios“ (Orgel, Gitarre, Drums) ein neuer Trend. Dieser stammte nicht aus den Tanzsälen und Konzerthallen, sondern aus kleinen Bars. 1956 gab der Label-Chef Alfred Lion von Blue Note Jimmy einen Plattenvertrag. Mit der Hilfe von Tonmeister Rudy van Gelder produzierte die Firma die erste LP mit dem Titel „A New Sound… A New Star… Jimmy Smith At The Organ”.

Jimmy Smith – Blue Note und Verve als Erfolgsgaranten

Jimmy Smith, der mit bürgerlichem Namen als James Oscar Smith am 8. Dezember 1928 in Pennsylvania (Nähe Philadelphia) geboren wurde, war ein Wunderkind auf dem Klavier. Bereits mit neun Jahren gewann der Junge einen Boogie-Woogie-Wettbewerb für Piano. Unterstützung gab ihm seine hochmusikalische Familie. Nach Wehrdienst und Musik-Studium an mehreren Colleges begann Smith 1951 sich intensiv mit der Orgel zu beschäftigen. Seine Lehrjahre bis 1954 absolvierte der Nachwuchs-Musiker in diversen Rhythm ’n‘ Blues-Bands. Bekanntermaßen engagierte ihn dann Alfred Lion 1956 für sein Label Blue Note. Der Label-Eigner war total fasziniert von den musikalischen Fähigkeiten des jungen Organisten. Alfred Lion erklärte seiner Frau damals: „Ich verkaufe Blue Note Records, dann habe ich jeden Abend Zeit Jimmy Smith im Konzert zu hören“.  In der genannten Zeitperiode arbeitete Jimmy hauptsächlich in kleineren Besetzungen mit Musikern wie Lee Morgan (Trompete), Art Blakey (Drums), Kenny Burrell (Gitarre) oder Stanley Turrentine (Saxophon). Hauptsächlich wurden bekannte Jazz- und Blues-Standards in Cover-Versionen mit der eigenen Handschrift von Jimmy produziert. Nicht zu vergessen sind aber auch Kompositionen von Smith wie „The Sermon!“ oder „Back At The Chicken Shack“.  1963 verlängerte Jimmy nach der Produktion von 30 LPs bei Blue Note seinen Vertrag nicht mehr. Bei seinem zweiten Label Verve Records erreichte er seinen größten Popularitätshöhepunkt.

Nach seinem Wechsel zu Verve Records übernahm beispielsweise Creed Taylor oder Oliver Nelson Produktion und musikalische Leitung. Von der klassischen Trio-Besetzung wechselte der Organist zu größeren Formationen bis hin zu Big Bands, die beispielweise unter Leitung von Lalo Schifrin oder Oliver Nelson standen. Es entstanden so markante Titel wie „The Preacher“ oder „Walk On The Wild Side“ im Big Band-Sound. Auch unternahm er Ausflüge als Blues-Sänger. Auf der Platte „Hoochie Coochie Man“ hört man den Organisten als Sänger u.a. mit „Ain’t That Just Like A Woman“.

Melodien aus Broadway-Musicals, Pop-Titel und Chicago-Blues kamen zusätzlich ins Programm. Besonders bemerkenswert war aber in der Verve-Zeit seine Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Wes Montgomery, mit dem er zwei LPs aufnahm. 1966 die LP „Jimmy & Wes – The Dynamic Duo“ und 1969 „Further Adventures of Jimmy and Wes“. Als genial sind die Leistungen der beiden Jazz-Größen bei diesen Aufnahmen zu bewerten.

Jimmy Smith – Das achte Weltwunder im Jazz (Zitat: Miles Davis)

Jimmy Smith arbeitete bis Mitte der 70er Jahre rastlos. Bis dahin kamen fast 100 Plattenaufnahmen zusammen. Tourneen durch Europa und die halbe Welt festigten seinen Ruf als Magier der Jazz-Orgel. Bei der Last dieser Arbeitsanspannung verwundert es nicht, dass nur noch Routine-Arbeiten und Pop-Covers ab den 70er Jahren abgeliefert wurden. Beispielsweise schrieb er für B-Filme die Musik und begleitete Pop-Sternchen oder Swing-Sänger auf Tourneen.  Im Prinzip betrieb der Musiker Raubbau an seinem hervorragenden Können. Der Orgel-Sound, den er vertrat, zog nicht mehr unbedingt das Publikum in den Bann. Neuere elektronische Instrumente wie Synthesizer oder das Fender Rhodes-Piano waren für Musiker und Publikum vom Sound her interessanter. Jimmy zog sich zurück und übernahm ein Musik-Restaurant (Supper Club) in Los Angeles. Nur relativ selten kam es noch zu neuen Aufnahmen. Erst in den 90er Jahren kam es im Rahmen des Acid-Jazz wieder zu einem Revival. Bei Jimmy lassen sich spätestens ab diesem Zeitpunkt Wesensveränderungen durch massiven Alkohol-Konsum feststellen, die sich in aggressivem und verletzendem Verhalten gegenüber Journalisten, Publikum und Mitmusikern äußerten. Im Jahr 2000 veröffentlichte er eine seiner letzten CDs mit dem Titel „Dot Com Blues“. Illustre Gastmusiker wie Dr. John, B.B. King, Taj Mahal, Keb‘ Mo und Etta James nahmen mit ihm diese Platte auf.  Jimmy starb am 8.Februar 2005 in Phoenix/Arizona im Alter von 76 Jahren.  Nun, wie kann man den Einfluss und die Leistungen von Jimmy auf die Musik-Welt beschreiben? Generationen von Hammond-Spielern wie etwa Dr. Lonnie Smith, Gregg Allman, Keith Emerson oder Jon Lord im Blues-, Rock- bzw. im Fusion-Bereich hat er massiv geprägt. Darüber hinaus beeinflusste der Organist auch andere Instrumentalisten, die von seinem Blues-geprägten Spielstil und seiner improvisatorischen Virtuosität inspiriert wurden. Sein Können charakterisierte das Jazz-Genie Miles Davis folgendermaßen: „Jimmy war das achte Weltwunder im Jazz“!

Auszug LPs/CDs

1956: A New Sound, A New Star: Jimmy Smith At The Organ, Blue Note Records
1957: The Sermon, Blue Note Records
1958: Softly as a Summer Breeze, Blue Note Records
1963: Back at The Chicken Shack, Verve Records
1965: Got My Mojo Workin’, Verve Records
1966: Jimmy & Wes – The Dynamic Duo, Verve Records
1969: Further Adventures of Jimmy and Wes, Verve Records
1972: Root Down, Verve Records
2000: Dot Com Blues, Blue Thumb Records/Verve Records

DVDs

Klaus Wildenhahn: Filme 1965/1966, 1. Smith James O. : Die Europa Tournee des Jazz-Organisten Jimmy Smith 1965.  2. Smith James O.  – Organist: Ein Jazz-Organist in Amerika. NDR/Absolut Medien/Deutsche Kinemathek

Klaus Wildenhahn hat in zwei Dokumentationen mit den Mitteln des „Direct Cinema“ Lebensumstände von Jimmy Smith und seinen Mitmusikern (darunter Dizzy Gillespie) beschrieben. Keine spektakulären Bilder, lange und ruhige Kameraeinstellungen, unverfälschte Meinungsäußerungen zur Situation von afroamerikanischen Jazzmusikern in Europa und den USA und Alltagssituationen bei Tourneen prägen diese hervorragenden Schwarz-Weißfilme.  Für ca. 37 Euro kann man einen Schober mit 14 Filmen aus den Jahren 1965 – 1991, die nicht nur Jimmy Smith betreffen, erwerben. Auf YouTube findet sich einer der genannten Smith-Filme. Jimmy Smith Live In 69 im Saal Pleyel (Paris), Jazz Icons Series 2009  

Klaus Huckert