Jazz Franco-Allemand in der Böblinger Kongresshalle 2026
William Lecomte – Piano
Hervé Meschinet de Richemond – Flöten, Alto-Sax
Jens Loh – Kontrabass
Hans Fickelscher – Drums
Böblingen, 13. 03. 2026
Energiekrise? Nicht bei der JazzTime Böblingen
„Jazz Franco-Allemand“ sorgt mit unbändiger Spielfreude für strahlende Gesichter bei der ersten JazzTime-Veranstaltung des Jahres in der Böblinger Kongresshalle.
Musik ist die Sprache, die überall verstanden wird und einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung leistet. Das ist eine der Antriebsfedern weshalb Hans Fickelscher, einer der vielseitigsten Jazz-Schlagzeuger Süddeutschlands, beschloss, nach rund sechs Jahren die Zusammenarbeit mit dem Weltklassepianisten William Lecomte und dessen französischen Landsmann Hervé Meschinet de Richmond (Querflöte/Saxofon) zu reaktivieren. Zusammen mit Jens Loh, einem gefragten Bassisten der europäischen Jazzszene tourt die TGV-Achse Paris-Stuttgart nun für ein paar Konzerte im Ländle. Wie sich am Freitag, den Dreizehnten (März) zeigen sollte, war der Stopp in Böblingen ein Volltreffer. Selten sah man solch ein begeistertes Publikum bei der JazzTime-Reihe im Württemberg-Saal. Langsam schaukelte sich die Band von Stück zu Stück immer weiter hoch bis die energiegeladene Formation auch den letzten Besucher erreichte.
Jazzflöte – leider zu selten gespielt
Mit brachialen und aufgelösten Pianoakkorden deutete Lecomte bereits im Valse des crayons-Intro an, was da noch zu erwarten sein könnte. Meschinet stieg mit frischen Flötentönen á la Herbie Mann oder Jeremy Steig der Rhythmusgruppe zu – der erste Aufhorcher; kommt dieses Instrument im Jazz doch nicht gerade häufig vor. Wie intensiv und breit aufgestellt sich dieser Jazz-Flötist, einer der virtuosesten Europas, präsentierte war dann spätestens im Folgestück Sunday Afternoon (Lecomte) auszumachen. Überblastechniken unter Miteinbeziehung seiner Gesangsstimme ließen hier, sowie in einer später folgenden funky Nummer an Jan Anderson oder Roland Kirk erinnern. Michel Legrands I Will Wait for You mit breitflächigem Piano-Intro deutete die ganze Klasse von Lecomte an, ein Eindruck, der sich nach der Pause noch steigern sollte.
Lecomte – Tastentänzer der Extraklasse
Mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit tanzten die Pianisten Finger von Tief nach Hoch und wieder zurück, oft mit einer übergreifenden linken Hand. Bisweilen ein Griff auf die Saiten des Flügels, um gedämpfte Klänge zu erzeugen. Der Mann, der seit 1999 in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder mit der Jazzgeigen-Koryphäe Jean-Luc Ponty auftrat, glänzt mit melodischem Einfallsreichtum und legt bei schwierigsten Spieltechniken dennoch eine spielerische Leichtigkeit an den Tag. Fickelschers Ballade When Will I See You Again ist vor der Pause ein Stück bei dem Meschinet wiederholt zum Altsaxofon griff. Er spielt es mit singendem und forderndem Ton wie einst Charlie Mariano. Seine Mitstreiter sind an Präzision ebenfalls kaum zu überbieten.
Szenenapplaus zuhauf und frenetisches Beklatschen jedes Stückes
Living in Chelsea, eine weitere Fickelscher-Komposition führte in eine Art Drum/Altosax- Battle und fand ihren Höhepunkt in einem McCoy Tyner-artigem Piano-Solo. Nach der (Verschnauf-) Pause nahm der Funky-TGV mit Night in Tokio(Meschinet) nochmals an Fahrt auf. Ein á capella Flötensolo verzückte die Besucher schließlich in besonderem Maße; Meschinet grunzt, schreit, singt und spielt dabei irrwitzige Läufe. Welch einfühlsamer und versierter Drummer Fickelscher ist, zeigte er bei seinem Love Your Smile, wo er auch solistisch glänzte – und immer wieder Lecomte, der mit jeder Pore Musik zu atmen scheint. Jens Loh bekam natürlich ebenfalls seine Soli, u.a. in Still (Loh); allesamt mit größter Präzision und einem grandiosen Gefühl für melodische Räume gespielt.
Standing Ovation der begeisterten Besucher
Mit Matthieu, ein Stück das Lecomte für seinen Sohn schrieb, ging der Abend langsam und dennoch samba-artig schnell zuende. Fazit: Frisch, energiegeladenen und verspielt – und das auch noch am Ende eines nahezu dreistündigen Konzertes. Zugabe? Selbstverständlich! Den vier sympathischen Könnern blieb nach den Standing Ovations auch kaum eine andere Wahl.
Bernd Epple
Portraits von William Lecomte
Portraits von Hervé Meschinet de Richemond
Portraits von Jens Loh
Portraits von Hans Fickelscher









