Konzerte

Michael Wollny & Émile Parisien bei den Theaterhaus Jazztagen 2026

Michael Wollny (Piano)
Émile Parisien (Sopransaxophon)

Stuttgart. 28.3.2026

Zwei Brüder im Geiste

Zwei Brüder im Geiste runden den ersten Abend der 36. Theaterhaus Jazztage ab – Spielfreude und Klangkunst par excellence

Mit einem fast feierlichen Intro startet zu vorgerückter Stunde der zweite Akt eines Doppelkonzertes, nachdem Joachim Kühn und seine Young Lions die Bühne geräumt hatten. Nach Michael Wollny hatte Émile Parisien, das Sopransax unter den Arm geklemmt, die Bühne betreten. Lediglich ein Soprano? Mancher Besucher befürchtete wohl Langeweile, die mangelnde Vielfalt des Instrumentariums betreffend. Weit gefehlt! Nach kurzer Zeit spielt Parisien exzessive Licks und wippt auf seinem Barhocker, als wolle er abheben wie ein Vogel. Er behält Bodenhaftung, doch seine High Notes, die auf dem Soprano besonders schwer zu spielen sind, begeben sich in luftige Höhen und erinnern tatsächlich an Vogelgezwitscher.

Dazu Wollnys Klaviersaitenbegleitung. Aus einer zärtlichen Verspieltheit entwickelt sich ein rhythmischer Sturm und schließlich halsbrecherisch schnelle Unisoni. Dem folgt eine frühlingshafte Aufbruchstimmung. Die Stücke werden lang und länger und dennoch kommt keine Sekunde Langeweile auf. Die Beiden versprühen Energie bis zum Anschlag. Wollny scheint Tintenfischtentakel zu besitzen – acht Arme mit jeweils fünf Fingern und Saugnäpfe, die ihn mit dem Piano verschmelzen lassen. Wie sonst kann man so viele Noten in kürzesten Sequenzen spielen?!

Ihm haben wir viel zu verdanken

Seinem Vorgänger Joachim Kühn zu Ehren gibt es diese Nummer. „Ihm haben wir viel zu verdanken“, lässt er das Publikum wissen, sowie dass sich die beiden Musiker einst bei einem Festival in Südkorea kennengelernt hatten, wohin sie bereits am folgenden Tag wieder abheben wollten. „We give him all our Love and passion!“, fügt Parisien in Richtung Kühn noch anerkennend hinzu. Dann geht erneut die Post ab. Mit brillanter Phrasierung und gestochen scharfer Intonation scheint Parisien jede Note körperlich mitzuerleben, was später in fast turnerischen Einlagen mündet.

„Das Duo steht für radikale Präsenz und ein breites Spektrum an Einflüssen“ ist im Ankündigungsflyer zu lesen. Neben Schneller, Höher und Weiter erinnert die Dramaturgie jedoch auch an Filmszenen mit Stimmungen, die tief unter die Haut gehen. Das ist zweifelsohne hohe Kunst, die da dem Publikum geschenkt wird. Komplexe Kompositionen mit unglaublicher Raffinesse; Jazzerherz, was willst du mehr?! Es bleibt am Ende nicht bei einer frenetisch geforderten Zugabe; erst mit einer sanft und melancholisch verjazzten bretonischen Volksweise darf das Duo von Bord.

Bernd Epple

Portraits von Michael Wollny

Portraits von Emile Parisien