Esra Dalfidan’s FIDAN –

Esra Dalfidan’s FIDAN im Pappelgarten Reutlingen 2019

Esra Dalfidan, voc, g
Tobias Klein, bcl
Franz von Chossy, p
Cord Heineking, bass
Uli Genenger, drums

Reutlingen, 5.2.2019

Orientalische Schattierungen

Das Quintett Fidan macht im Pappelgarten feine Weltmusik

Eine Türkin, die in Solingen aufgewachsen ist und Musiktherapie studiert hat, seit 16 Jahren in Amsterdam lebt und Jazzmusik macht: Eine Kombination, die man selbst im Pappelgarten nicht alle Tage erlebt und an einem Dienstagabend im Februar ein eigenwilliges Konzerterlebnis hervorbrachte.

Esra Dalfidan wird in Holland als echte Entdeckung gehandelt. Gründe dafür gibt es mehrere: Die 43-jährige Türkin ist in der dortigen Jazzszene nicht nur überaus aktiv, sie hat auch den wichtigsten Jazzpreis des Landes gewonnen. Sie besitzt eine höchst flexible Stimme und hat mit ihrem Mix aus Jazz und türkischer Musik die vielfältige Szene der Niederlande bereichert. Am Dienstag trat sie mit ihrem Quintett Fidan im Pappelgarten auf und bot zwei Stunden lang ein enorm vielgestaltiges Konzert auf einer Jazzbasis mit orientalischen Einflüssen. Lyrische Szenen und Gedichte entwickeln sich mal im Duett zwischen Bassklarinette und Sängerin, mal zwischen Klavier und Kontrabass. Mal verströmen die schwerelos schwebenden Klänge eine meditative Ruhe, mal beschleunigen sie zu flinken, seelenvollen Läufen wie bei den Stücken „Déjà-vu“ oder das auf Deutsch gesungene „Sonnenfinsternis“.

Immer wieder scheint die Zeit für eine Weile stillzustehen – bevor sich die Musik auf eine neue dynamische Stufe zubewegt. Es sind oft türkische oder aserbaidschanische Melodien aus der Überlieferung, die hier verwendet werden, doch die Spielweise ist entschieden modern. So ist die Musik auch für mitteleuropäische Hörgewohnheiten geeignet mit ihren orientalischen Melodiefolgen in Vierteltonschritten. Dazu singt Esra Dalfidan in türkischer und deutscher Sprache und mit klarer Stimme – warm, melodisch und mit viel Ausstrahlung. Sie ist eine einfallsreiche Songwriterin, die aus traditionellen Melodien eine eigenwillige Weltmusik-Mixtur bastelt. Manchmal hört sich die zierliche Frau mit den dunklen Haaren an, als sei sie ihr halbes Leben lang um den Globus getingelt. Das Repertoire besteht aus einem breiten Spektrum, das von folkloristischer Musik bis zu freejazzigen Anleihen reicht, mal mit Gesang, mal instrumental unterlegt.

Die zum Teil fast träumerischen Weisen auf der Bassklarinette (Tobias Klein), das virtuose Spiel auf dem Klavier (Franz von Chossy) und die puristischen Einwürfe auf dem Kontrabass (Cord Heineking) oder dem Schlagzeug (Uli Genenger) erzeugen eine dynamische Atmosphäre, bevor der durchdringende Gesang Dalfidans einsetzt und die Instrumente dezent in den Hintergrund rücken. Chansonesk anmutende Modulationen gelingen ihr ebenso wie rhythmisch-folkige Zwiegespräche. Unprätentiös sind ihre Gesten, locker ihr Geplauder (auf deutsch) mit dem Publikum. Viele Schattierungen zwischen Orient und Mittelmeer lotet das Ensemble aus. Ein Konzert, bei dem sich die orientalische Seele mit der okzidentalen Moderne vereint.

Dabei ist den fünf Musikern ihr schweißtreibendes Tun kaum anzumerken und sie halten trotz der Instrumentenvielfalt das Arrangement bis zum Schluss transparent. Ein eigenwilliges Konzerterlebnis, bei dem sich Esra Dalfidan jede Freiheit herausnimmt – ohne Ehrfurcht, doch mit viel Respekt vor der Tradition.

Jürgen Spieß