Ameli in the Woods – Sindelfinger Jazztage 2021

Ameli in the Woods bei den 7. Jazztagen Sindelfingen der igkultur

Franziska Ameli Schuster – vocal, piano, synthesizer, effects
Marvin Holley – guitar, piano, vocal, effects
Sebastian Schuster – doublebass, synthesizer, rhodes
Daniel Mudrack – drums, synthesizer

Sindelfingen, 18.6.2021

Gelungener Auftakt der Sindelfinger Jazztage

Die IG Kultur präsentiert auf dem Grünen Platz drei „Halb-Open Air“ – Abende mit einer bunten jazzmusikalischen Palette

Was ist ein Halb-Open Air? Nun, das Festival fand erstmalig in einem „Kultur-Zelt“ statt. Wenn die Seitenwände geöffnet sind, läuft das coronatechnisch als Open Air; wetterbedingt geschlossen, wird es zur Indoor-Veranstaltung. Letzteres bedeutet in der Praxis, dass von den Besuchern 3 G-Nachweise erbracht werden müssen, was bei Outdoor entfällt. Mit solchen und ähnlich bürokratischen Themen mussten sich Stadt und Veranstalter im Vorfeld befassen. Unzählige Klärungs-Emails gingen also hin und her, bevor am Ende doch alles gut passte. Auch der Donnergott hatte ein Einsehen und so konnte am Freitagabend ein frohgelaunter Oberbürgermeister Bernd Vöhringer die Jazztage offiziell und „open air“ das Festival eröffnen. „A bissle Corona isch immer noch da“, konstatierte er bei einer tagesaktuellen Inzidenz von 7,1 und freute sich, dass es nun endlich losgehen kann.

Mit „Amelie in the Woods“ betrat eine Combo die Bühne, die gleich zweifach Landesjazzpreisträger aufweisen konnte. Sebastian Schuster (Kontrabass, Synthesizer, Rhodes-Piano) erhielt den Preis bereits 2017, bevor es ihm seine Schwester Franziska Ameli Schuster 2020 gleichtat. Begleitet wurden die beiden von Marvin Holley (Gitarre, 2.Stimme und Piano) und Daniel Mudrack am Schlagzeug. „Amelie in the Woods ist eine Einladung in eine ureigene düsterschöne Welt voller vielgestaltiger Formen“, heißt es im Flyer der IG Kultur und genau dieser Eindruck tat sich nach einer eher poppig, sommerlich leichten Intro-Ballade auf. Schwer und düster breiteten sich flächige Soundwolken, unterstützt von Synthie-Klängen im Zirkuszelt aus. Mit „Suitcase“ beschrieb Pianistin und Sängerin Franziska Ameli Schuster den Koffer, in den sie Erinnerungen, Zweifel, Ängste und Liebe einpackte, um den Inhalt auf einem Fluss in die Welt hinaus zu schicken. In der Tat waren breit gefächerte Gefühlsregungen herauszuhören, von einer imposanten Dynamik geprägt. Effektvoll unterstrichen die Multiinstrumentalisten mit Fender Rhodes, Bass-Synthie und gestrichenem Kontrabass den Gefühlemix bis am Ende eine fulminante Klangkasskade den Koffer im reißenden Fluss den Wasserfall hinunterspülte.

Erleichterung beim Publikum und Bravo-Rufe! Experimentell ging es weiter mit Oberton-Noten vom gestrichenen Bass, sowie unterschiedlichen musikalischen Stimmungen. Mainstream war das sicherlich nicht, auch wenn später ein rockiges E-Gitarrensolo die Schwermut temporär mal beiseiteschieben konnte. Die zweite Runde nach der Pause wurde mit ein paar leichteren groovigen Blues-Riffs eingeleitet. Franziska Amelis sonorige Stimme erinnerte bisweilen an die britische Singer-Songwriterin Tanita Tikaram, dann schraubte sie sich wiederum in unvermutet hohe Frequenzen, um in der Folge vokale Lautmalereien mit einem Looper zu produzieren. Sie ist letzlich eine musikalische Erzählerin mit wandlungsfähiger Stimme, die durch Gefühlshöhen- und Tiefen begleitet, durchaus aber auch an Lichtungen vorbeiführt. Am Ende quittierten die rund 60 Besucher die musikalischen Reisen dieser Band mit stehendem Beifall, sodass zwei Zugaben unvermeidlich waren. Die erste war dann fast das Highlight des Abends, weil die Musiker nochmals alle Register zogen, ihre Arrangement- und Dynamikpfeile aus dem Köcher holten und der Schlagzeuger Schläge erzeugte, die in filigrane Drumfiguren mündeten.

Bernd Epple

Portraits von Franziska Ameli Schuster

Portraits von Sebastian Schuster