Konzerte

Olivia Trummer „Songbook“ im Jazzclub Bix Stuttgart 2026

Fotos und Review vom Konzert

Olivia Trummer (p, voc)
Ariel Bart (harm)
Johannes Lauer (tb)
Makar Novikov (db)
Mathias Ruppnig (dr)

Olivia Trummer eröffnet im Jazzclub Bix mit ihrem Ensemble ihr ganz persönliches „Songbook“

Stuttgart, 3.10.2026 – Gegensätze können sich anziehen. Im besten Fall aber beginnen sie miteinander zu schwingen. Olivia Trummer beherrscht dieses Spiel der Gegensätze seit Jahren mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Zu ihrem 20-jährigen Plattenjubiläum brachte die in Berlin lebende Stuttgarter Pianistin im gut besuchten Bix gemeinsam mit vier herausragenden Musikern der europäischen Jazzszene Kompositionen aus unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere auf die Bühne – und ließ dabei musikalische Grenzen so mühelos verschwimmen, als wären sie nie gezogen worden.

Zwischen Herz und Verstand

Wasser ist dafür ein treffendes Bild: Es füllt jedes Gefäß, ohne sich ihm dauerhaft zu unterwerfen, findet seinen Weg durch unterschiedlichste Räume und bleibt doch immer es selbst. Ähnlich beweglich ist Trummers Musik. Jazz, Balladen, Singer-Songwriter, Blues und Klassik begegnen sich darin ebenso selbstverständlich wie Momente des freien Spiels. Für ihr Jubiläumskonzert, das den Anfang einer Tournee markiert, hat sie persönliche Favoriten ausgewählt, Stücke, die Stationen ihres musikalischen Lebens aufzeigen und jeweils ihre eigene Geschichte erzählen.

Für zusätzliche Klangfarben sorgt die ungewöhnliche Besetzung: Ihr Ehemann Makar Novikov am Kontrabass, Mathias Ruppnig am Schlagzeug, Johannes Lauer an der Posaune und vor allem Ariel Bart an der chromatischen Mundharmonika. Sie verleihen den Kompositionen immer wieder überraschende Konturen. Wo Trummer in ihren Solo- und Duoprogrammen häufig die scheinbar gegensätzlichen Welten von Klassik und Vocaljazz miteinander versöhnt, zeigt sie sich mit ihrem neuen Quartett von einer anderen Seite: jazzig, rhythmisch präzise, bisweilen überschäumend – und stets mit einem ausgeprägten Gespür für dramaturgische Feinheiten.

Trummers Stimme kann zerbrechlich wirken

Mal gehört die Bühne den leisen Tönen. Balladen wie „Morgentanz“, „Rostock“ vom Debütalbum „Nach Norden“, „For You“ oder das an Fellinis Filmmusik erinnernde „Modena“ geben dem Abend eine fragile, bisweilen melancholische Färbung. Trummers Stimme kann dabei zerbrechlich wirken und im nächsten Moment von leidenschaftlicher Intensität sein. Dann wieder zieht die Musik an: „Indifferent“, „Karussell“ oder „Verrückt“ treiben groovend voran, ohne dass die Melodik ihre beharrliche Ruhe verliert. Immer wieder setzt Trummer kleine Haltepunkte, lässt Spannung entstehen, bevor sie den musikalischen Fluss erneut freigibt.

Gerade in diesen Übergängen liegt die besondere Qualität des Abends: Dort, wo Komposition und Improvisation, Konstruktion und Spontaneität nicht mehr als Gegensätze erscheinen, sondern ineinandergreifen. Dass Trummer keine reine Jazzmusikerin ist, wird dabei immer wieder hörbar. Die 41-Jährige, die in Kornwestheim in einer Musikerfamilie aufwuchs, begann bereits mit acht Jahren zu komponieren. Auf das klassische Studium an der Stuttgarter Musikhochschule folgten erste Erfahrungen mit Jazz und schließlich, mit einem DAAD-Stipendium, ein Jazzklavierstudium an der Manhattan School of Music in New York. Die Jahre in der Jazzmetropole ebenso wie ihre tiefe Verwurzelung in der klassischen Musik sind bis heute prägende Koordinaten ihrer musikalischen Sprache.

Zum Schluss fließt noch einmal alles zusammen. Mit „For You“ setzt Trummer einen hinreißend klangsinnlichen Schlusspunkt und unterstreicht zugleich ihren Anspruch als Crossover-Spezialistin. Nach anderthalb abwechslungsreichen Stunden bleibt der Eindruck einer Musikerin, die sich nicht zwischen den Welten entscheiden will – sondern längst gelernt hat, sie miteinander in Bewegung zu halten.

Jürgen Spieß

Portraits der Mitwirkenden

Olivia Trummer

Ariel Bart

Johannes Lauer

Makar Novikov

Mathias Ruppnig folgt