Bebelaar-Beck-Kroll bei den Int. Theaterhaus Jazztagen 2022

Patrick Bebelaar – piano
Frank Kroll – sax
Christoph Beck – sax

Stuttgart, 16.4.2022

Eine Kreativfabrik arbeitet auf Hochtouren

Eine eigenwillige Besetzung, die da am 16. April bei einem Theaterhaus Jazztage-Doppelkonzert den Auftakt machen sollte. Durchaus mit Musikern besetzt, die zumindest in Baden-Württemberg alles andere als „No Names“ sind. Da der Pianist Patrick Bebelaar schon seit über 30 Jahren erfolgreich mit Frank Kroll (Sopransaxophon/Bassklarinette) zusammenarbeitet, ist es auf den ersten Blick verwunderlich, noch einen weiteren Holzbläser mit ins Boot zu holen. Im vollbesetzten T2 hält Christoph Beck an diesem Abend Bass-, Bariton-, Tenorsaxophon und Bassklarinette auf den Instrumenten-Stands bereit und die Formation bleibt die Antwort nicht lange schuldig, warum das Bebelaar/Kroll-Duo nun ein Trio ist. Becks klangliche Bandbreite, gepaart mit spieltechnischen Finessen, ist weit mehr als ein i-Tüpfelchen auf der Ideenwerkstatt des renommierten Duos! Die Combo lässt weder E- noch Kontrabass vermissen, zumal neben Krolls Bassklarinette oder Bebelaars Nord Grand – Stage Piano Bass- und Barisax ebenfalls für den tiefen „Umpf“ sorgen können.

Facettenreichtum par excellence

Bereits beim Opener, Bebelaars „Point of View“, wird schnell deutlich mit was die Protagonisten des Abends aufwarten können: Freie spärlich eingeworfene Noten, die sich zu spannenden Harmonien verdichten, mit der Hand abgedämpfte Flügel-Saiten, Highnotes-Jonglagen der Bläser; von Free Jazz-Anklängen über traumhaft dynamische Harmonieverbindungen bis zu tänzerisch-folkloristischen Elementen reicht der Facettenreichtum. Darüber hinaus zeigt sich in der Folge bei einer Kroll-Komposition mit welcher Zartheit Sopran- und Bari-Sax miteinander kommunizieren können. Ein unter die Haut gehendes Sopran strahlt in der Zweistimmigkeit mit dem Bari, das knarzend, hauchend oder singend die Melodieführung umgarnt. Alle drei Akteure bringen Kompositionen mit, eine schöner als die andere. So trifft ein flächig verspieltes Klavier auf ein kanonartig wiederholendes Sopran, es entstehen Klangkollagen mit zwei Bassklarinetten oder kreischend-wehklagend seufzende Saxophone schaukeln sich zu ekstatischen Unisono-Phrasen hoch. Die beiden „älteren“ Herren geben nach entsprechender Verausgabung dann auch mal die Bühne frei für „Saxophon solo“, welches Beck mit jugendlicher Kraft eindrucksvoll zelebriert: Highnote-Stafetten, Aufschreie, „permanent breathing„, Didgeridoo-Sounds… Alles dabei was das Bläserherz erfreut! Zweifelsohne wird vom jungen Christoph Beck künftig noch viel zu hören sein. Aus dem Publikum ist anerkennendes Raunen zu vernehmen. Mit Szenenapplaus hält man sich an diesem Abend weise zurück; zu sehr hätte es das Eintauchen in die unvergleichlich komplexe und berührende Stimmung gestört. Drei große Meister ihrer Instrumente und gleichermaßen phantastische Komponisten verabschieden sich, natürlich nicht ohne lautstark geforderte Zugabe (Bebelaar: „Wir haben das jetzt so verstanden, dass wir noch was spielen“).

Musiktherapie“ neu definiert

Vor der ergreifenden Ballade „The River Flows To You”, lässt Bebelaar die Besucher wissen, dass ihm in den letzten Wochen die Lust auf Klavierspiel manchmal so vergangen sei, dass er sich mit dem Gedanken getragen habe, das Konzert abzusagen. „Das war nun eben eine öffentliche Therapiesitzung“, bedankt er sich. Auf Nachfrage dieses Magazins, was ihn so sehr bewegt hätte, erklärt er, dass er viele Freunde in Russland und in der Ukraine hätte. Aufgrund des dort herrschenden Krieges, ein durchaus nachvollziehbarer seelischer Schmerz. Umso mehr muss die Musik „leben“ – die beste Antwort war dieses, mit allem musikalischen Tiefgang dargebotene Konzert. Danke Patrick, Frank und Christoph!

Bernd Epple

Portraits von Patrick Bebelaar

Portraits von Christoph Beck

Portraits von Frank Kroll