Konzerte

Terri Lyne Carrington beim Jazzfestival Esslingen im Theaterhaus Stuttgart 2026

Terri Lyne Carrington – Percussion
Christie Dashiell – Voice
Matthew Stevens – Guitar
Milena Casado – Trumpet
Morgan Guerin – Bass

Eine instrumentalisierte Protestbewegung: „We Insist-2025“!

Die Botschaft der Schlagzeugerin Terri Lyne Carrington ist unmissverständlich: „Wir müssen aufwachen, uns erheben und handeln!“

Und diese Botschaft ist in der Gegenwart aktueller denn je. Dabei vertraut die Schlagzeugerin auf die Kraft der Musik. Musik und Aktivismus sind für sie untrennbar miteinander verbunden. Denn Musik erzeugt Emotionen, regt zum Andersdenken an, sie kann Menschen dazu bringen, sich einer Bewegung anzuschließen. Carrington und ihre Band haben sich dem legendären „Protest-Jazz-Album“ von Max Roach „We Insist“ angenommen, das 1960 erschien, es neu interpretiert und musikalisch in veränderter Form umgesetzt.

Das Projekt vermittelt die Geschichte der „Freedom Now Suite“, wobei die Musiker/innen die Jazztradition reflektieren und dabei den Einfluss anderer Musiktraditionen wie Gospel, Soul, Funk, Afro-Latin, Westafrika und Blues mit einbinden. 1960, als der Kongo seine Unabhängigkeit erklärte und Patrice Lumumba zum Präsidenten gewählt worden war, geriet das Land in die Klauen des Kalten Krieges. Nachdem Lumumba ermordet worden war, kam es zu Unruhen und zu einer denkwürdigen Sitzung der UN-Vollversammlung. Max Roach, Abbie Lincoln und weitere Jazzmusiker „stürmten“ die Versammlung. Musikalisch folgte daraus Max Roachs legendäres Album „We Insist! – Freedom Now Suite“. So viel zur Entstehungsgeschichte des Werkes.

Musikalisches Wunderkind und unermüdliche „Arbeiterin“

Die junge Terri Lyne begann ihre professionelle Karriere in Massachusetts im Alter von 10 Jahren, als sie als jüngste Person in Boston eine Gewerkschaftskarte erhielt. Sie wurde in vielen Publikationen sowie in lokalen und nationalen TV-Sendungen als „Wunderkind“ vorgestellt. Nach einem Vollstipendium am Berklee College of Music arbeitete Carrington als gefragte Musikerin in New York City und zog später nach Los Angeles, wo sie im Late-Night-TV als Hausschlagzeugerin sowohl der Arsenio Hall Show als auch der von Quincy Jones’ VIBE TV-Show, moderiert von Sinbad, bekannt wurde.

Bis heute hat die gefragte Schlagzeugerin auf über 100 Aufnahmen mitgewirkt und war durch ihre Lehrtätigkeit und Tourneekarrieren ein Vorbild und eine Fürsprecherin für junge Frauen und Männer weltweit. Sie hat mit namhaften Künstlern wie Al Jarreau, Stan Getz, Woody Shaw, Clark Terry, Diana Krall, Cassandra Wilson, Dianne Reeves, James Moody, Yellowjackets, Esperanza Spalding und vielen mehr getourt oder Aufnahmen eingespielt. Bereits in ihren Zwanzigern tourte Carrington ausgiebig unter anderem mit Wayne Shorter und Herbie Hancock und veröffentlichte 1989 eine für einen Grammy® nominierte Debüt-CD bei Verve Forecast, Real Life Story. 2011 veröffentlichte sie das mit einem GRAMMY® ausgezeichnete Album The Mosaic Project mit einer Besetzung von All-Star-Instrumentalisten und Sängerinnen, und 2013 veröffentlichte sie Money Jungle: Provocative in Blue, das ebenfalls einen GRAMMY®-Award erhielt und sie als erste Frau in der Kategorie Best Jazz Instrumental Album etablierte.

Gastprofessur in München und wirkmächtige Lehrerin

Aktuell wird Terri Lyne Carrington im Rahmen des Bayerischen Spitzenprofessurenprogramms bis Ende 2028 eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) übernehmen. Kunst- und Wissenschaftsminister Markus Blume nannte die 60-jährige US-Amerikanerin eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des modernen Jazz: „Terri Lyne Carrington ist eine Meisterin ihres Fachs, die den zeitgenössischen Jazz in mehreren Rollen zugleich prägt und neu definiert: Als Musikerin und Produzentin wurde sie vielfach international ausgezeichnet, als Pädagogin erreicht sie am Berklee College of Music eine neue Generation von Studierenden. Ihre Lehrtätigkeit ist ebenso wirkungsmächtig wie ihre künstlerischen Projekte.“

Auch an diesem Abend steht in dem zu zwei Dritteln gefüllten Theaterhaus die politische Botschaft im Vordergrund, wenn auch musikalisch auf allerhöchstem Niveau untermalt. In der ersten halben Stunde des Konzertes scheint es so, als nehme die Band das Publikum gar nicht wahr. In sich gekehrt werden Texte aus dem Alltagsleben Schwarzer Bürger/innen, Visualisierungen von Sklaventransporten und Misshandlungen rhythmisch und improvisierend von den Protagonisten begleitet.

Sängerin Christie Dashiell drückt mit ihrer Stimme emotional die tiefgreifenden menschlichen Brüche innerhalb der Gesellschaft aus. Themen wie Masseninhaftierungen, Polizeigewalt oder die Ungerechtigkeit gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern werden in ein äußerst variables Soundgebilde aus Jazz, Hip-Hop und R&B eingebettet.

„Zwei Zugaben? Das ist was ganz Neues für uns“

Im zweiten Teil des Konzertes ergreift Carrington dann doch des Öfteren das Wort und erzählt, worin der Sinn ihrer musikalischen Arbeit liegt: „In meinen Projekten verarbeite ich meine Sorgen um die Gesellschaft und um die Gemeinschaft, in der ich lebe“, sagt Carrington, und „alles deutet in diese Richtung. Irgendwann musst du deinen Lebenssinn finden. Es gibt viele Schlagzeuger, die als ‚großartig‘ gelten. Für mich ist das nicht so wichtig wie das Vermächtnis, das du hinterlässt.“ Doch sie ist eben eine großartige Schlagzeugerin, nur mit dem Unterschied, dass sie sich unermüdlich darin engagiert, mit ihrer Musik und ihrer Band Missstände und Ungerechtigkeiten in unserer Welt aufzuzeigen.

Musikalisch ist der Abend geprägt von einem sehr variablen kollektiven Zusammenspiel, die solistischen Ausflüge sind sehr begrenzt, aber dafür umso anspruchsvoller. Letztendlich steht jedoch die Textbotschaft im Vordergrund. Nach 80 Minuten ist diese „musikalische Protestveranstaltung“ leider schon zu Ende. Doch das Publikum fordert noch zwei längere Zugaben ein, was für die Band scheinbar ein völlig neues Erlebnis ist und nicht vorgesehen war. Und so klingt der Abend, nachdem sich die Musiker nach mehrminütiger Diskussion darauf geeinigt haben, mit einer wunderbaren Improvisation über das Thema von „Amazing Grace“ aus.

Harald Kümmel

Portraits der Mitwirkenden

Terri Lyne Carrington

Christie Dashiell