Konzerte

Sean beim Jazzclub Tübingen im Club Voltaire 2026

Fotogalerie und Konzertreview

Sean Haefeli – vocals, keys
Francesco Beccaro – bass
Noah Weber – drums

Sean Haefeli Trio – Jazz, Soul und Spoken Poetry

„Das ist das…ja- …das Herzstück!…“ Das sagt – nachdenklich, fast zögerlich, mitten im zweiten Set Sean Haefeli und leitet damit über zu ‘Battle Cry’, einem Song aus seinem neuen Album. Baut mit ein paar Akkorden auf seinem Piano und sparsamen Beats eine Spannung auf, die in fast hypnotisch wirkende Zeilen münden: „Lead me to the water  / Lead me to my Battle Cry / Noone knows how this will end“ Sean Haefeli singt mit seiner volltönenden warmen Stimme. Man ist versucht, sie ‘samten’ zu nennen. Wäre da nicht die gewichtige Bedeutung dieser Zeilen, die der Sänger, Musiker und Dichter und zutiefst in die akuellen aber auch Jahrhunderte währenden Kämpfe der afroamerikanischen Geschichte Involvierte ergründet und interpretiert.

Keine leichte Kost also. Auf die hymnischen Zeilen folgen Rap-artige Passagen spoken Poetry und funkige Beats, und führen zum Ende der Strophe: „We’ve been fighting, praying, swearing, debatting / Can you tell me we´re gonna find a way.“

Nicht nur in diesem zentralen Song, in der gesamten Musik des Konzerts findet sich Gospel, Soul und Funk. Das Trio mit Sänger Sean Haefeli am Piano, Franceso Beccaro am Bass und Schlagzeuger Noah Weber ist eine Band, die sich traumhaft sicher und organisch über die ganze Bandbreite der afroamerikanischen Musik des vergangenen Jahrhunderts bewegt.

Ureigene Melange und beeindruckende Poesie

Aus einer einfachen Bluesfigur auf dem Piano entsteht ein funkiger Groove, ein grummelnder fetter Bass kommt dazu, dann Improvisationen auf Piano, Bass und Schlagzeug, dann wieder Rap – Passagen oder es gibt zwischen zwei Stücken, manchmal fast unvermittelt und a capella Rezitationen. Natürlich ist die Musik entscheidend geprägt von der Stimme, dem Ausdruck, den Texten und dem Gesang von Sean Haefeli. Der wechselt mühelos von ganz sonoren Tiefen über mehrere Oktaven in die hohen Lagen changiert dabei immer wieder von verführerischem Soul zu mitreißendem Rap oder Gospel. Auch wenn da Ray Charles mit am Piano sitzt oder die Neville Brothers mit in diesem manchmal brodelnden Gumbo mit rühren – diese Musik ist Sean Haefelis ureigene Melange.

Geboren in Indianapolis begann er schon sehr früh, Klavier zu studieren, begann dann mit Gesang und zog nach Chicago. Dort tauchte er ein in die Spoken-Word, Hip-Hop- und Jazzszene und hat drei Alben produziert. Aber Haefeli ist ein Reisender, es zog ihn nach Europa, und aktuell und schon eine ganze Weile lebt er in Berlin. Dort hat er auch sein aktuelles Album ‘Flying Broken Form’ aufgenommen. Ganz wichtig sind für ihn trotzdem seine Wurzeln. Im Konzert, zwischen den Stücken erzählt er, dass sein Vater aus der Stadt kommt, in der der Ku Klux Klan gegründet wurde, und er erinnert sich an ganz tief empfundene musikalische Erinnerungen aus seiner Kindheit, vor allem an die Kraft, die für ihn mit den Gospel – Gottesdiensten in Indianapolis verbunden sind. 

Keine einfachen Wahrheiten

Im Konzert, beim Auftritt ist Sean Haefeli oft tief versunken in die Musik und in seine Poesie, scheint das Publikum manchmal vergessen zu haben. Aber trotzdem ist er hellwach und beschäftigt sich mit intensiv mit der Situation, natürlich auch mit dem zunehmenden Rassismus in seiner Heimat; erinnert sich in einem Essay zum Beispiel an ein Konzert in Paris, vor einigen Jahren: „Als ich in Paris bei einem Konzert zur Amtseinführung von Präsident Obama spielte, erinnere ich mich noch genau an die Euphorie des Publikums. Amerika hatte scheinbar einen Meilenstein erreicht, und das erschien logisch. Wir sollten den Kampf für Rassengleichheit und Gerechtigkeit vorantreiben. Doch rückblickend waren viele von uns naiv optimistisch.“

Wenn Sean Haefeli, in dessen Familiengeschichte auch irgendwann ein eidgenössischer Amerikaauswanderer auftauchte, Musik macht, singt und seine Gedichte rezitiert, führt das zwar in die Tiefe, aber nicht in Abgründe. Auch wenn es in seinen Songs keine einfachen Wahrheiten oder eher Fragen gibt, wie in ‘Battle Cry’: ‚No one knows how this will end‘ – die Grundstimmung von Musik und Stimme sind trotzdem warm, vermittelt Freude und Kraft. Ein Glücksgriff des Tübinger Jazzclubs, diesen Künstler, der im Sommer auch beim Jazzfestival in Montreux aufgetreten ist, in den Club Voltaire zu holen!

Tom Hagenauer

Portraits von Sean Haefeli