KILDAN World Project
Kildan Kildan im Interview

Kilian Kilian, Sänger, Komponist und Kanun-Spieler, im Interview zu seinem KILDAN World Project
Lieber Kildan, seit geraumer Zeit sorgst du mit einem völlig eigenen Sound für Aufsehen, der traditionelle Irakische Musik mit zeitgenössischem Jazz verbindet. Wie würdest du eure musikalische Identität heute beschreiben?
Wir bewegen uns in einer Welt, die tief im irakischen Maqam(*) und der Folklore verwurzelt ist, aber gleichzeitig die Freiheit und den Puls des modernen Jazz atmet. Es geht um den Dialog zwischen dem perlenden, traditionellen Klang meines 81-saitigen Kanun und einer offenen, groove-orientierten Jazz-Ästhetik.
Ein ganz zentraler Pfeiler dabei ist mein Vater, Maged Kildan, der an der Oud spielt. Ohne ihn und sein überliefertes Wissen als irakischer Oud-Meister hätte ich es niemals bis hierhin geschafft. Er hält diesen direkten Draht zur Tradition, auf dem mein modernes Schaffen überhaupt erst aufbauen kann.
Ein sehr auffälliges Markenzeichen deiner Musik ist dein Gesang. Du nutzt viel wortlose Vokalisen in Tenzendental extremen Höhen, die an spirituelle Vokalisten erinnern, bevor du mit Texten und Rhythmus den Bogen schlägst. Wie ist dieser Stil entstanden?
Das ist eine Entwicklung, die stark aus dem inneren Ausdruck kommt. Ich habe gemerkt, dass eine völlig freie, wortlose Vokalise – gerade in den hohen Registern – eine transzendentale Tiefe erzeugt, die Sprachbarrieren komplett umgeht. Man transportiert Emotion, Sehnsucht und Spiritualität direkt zum Hörer. Ich möchte die Leute natürlich verzaubern mit dem Gesang, deshalb ist es am Anfang eines Stücks manchmal kurz und manchmal auch länger, je nach Moment. Im Laufe des Songs, wenn der Groove einsetzt, bringen wir dann den Text und die erdige Energie hinein.

Wie reagiert das Publikum auf diesen Brückenschlag, besonders wenn man traditionelle orientalische Hörer mit Jazz-Gängern vergleicht?
Es ist natürlich eine Reise für das Publikum. Ein traditionell orientiertes Publikum sucht oft nach vertrauten textlichen Ankern. Deshalb finde ich diese Dramaturgie – vom freien, schwebenden Gesang am Anfang hin zu den geerdeten Texten am Ende eines Stücks – so perfekt. So holt man beide Welten ab: Erst entführt man sie in eine magische, tranceartige Klangwelt, und am Ende landen sie sicher im tanzbaren, souligen Groove.
Du bist in München geboren, wirst am 22. Oktober hier 28 Jahre alt und treibst das Projekt mit viel Tatkraft voran. Wo kann man euch demnächst live erleben und gibt es neue musikalische Veröffentlichungen?
Absolut, das wird ein besonderes Jahr. Wir spielen am 22. Oktober direkt im Kleinen Theater Haar in München und am 12. November bei den Ingolstädter Jazztagen. Außerdem freue ich mich riesig, dass ich demnächst meine neue Single „Tigris Jazz“ veröffentlichen werde, die dann auf Spotify und überall sonst erhältlich sein wird. Die Mischung aus meisterhaftem Kanun-Spiel, der Oud meines Vaters und diesem fetten, rhythmischen Fundament der Band muss man einfach live erleben!
Weitere Informationen und viele Videos zur Musik finden sie direkt auf der Seite des Kildan World Project.
(*) Anmerkung der Redaktion: Das ist eine faszinierende und tiefgründige Welt. Der irakische Maqam (المقام العراقي) ist nicht nur ein Musikstil, sondern das spirituelle und kulturelle Herzstück des Irak, das von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt ist. Diese Kunstform verbindet klassische arabische Modi (Maqamat) mit persischen, kurdischen und osmanischen Einflüssen und verschmilzt sie mit altüberlieferter Poesie. Zusammen mit der reichen irakischen Folklore erzählt sie Geschichten von Sehnsucht (Mawaweel), Liebe, Exil und der tiefen Verbundenheit mit dem Land zwischen Euphrat und Tigris.
