Cyrille Aimée im Jazzclub Bix Stuttgart 2026
Cyrille Aimée (voc)
Michael Valeanu (git)
Matteo Bortone (b)
Pedro Segundo (dr)
Cyrille Aimée begeistert mit Sprachenvielfalt und der Sangeskunst der Karibik
Wohl selten gab es im Stuttgarter BIX ein Konzert, das solch eine Sprachenvielfalt darbot. Englisch, französisch, portugiesisch kombiniert mit kunstvollem und äußerst virtuosen Vocal-Jazz. Cyrille Aimèe, die das BIX bereits das dritte Mal beehrte, begeisterte das Stuttgarter Publikum im ausverkauften Club abermals, mit musikalischer Kreativität, Spontanität und unglaublicher Raffinesse in ihrem Auftritt. Man spürt bei der 1984 in Frankreich geborenen Sängerin, die inzwischen in New Orleans lebt, dass Musik für sie eine Lebensweise und vielfältige Kunstform ist, die ihr die Freiheit gibt ihren kreativen Talenten zu folgen. Sie hat eine bemerkenswerte, mehrfach preisgekrönte Karriere entwickelt, die Kontinente umspannt, als Sängerin, Songwriterin, Texterin und Pädagogin, während sie stets ihren Wurzeln treu bleibt.
Bis Cyrille 20 Jahre alt war, hatte sie bereits auf vier verschiedenen Kontinenten gelebt. Ein Aufenthalt in Santo Domingo wurde gefolgt von einem Umzug nach New York City. Tagsüber besuchte sie hier das SUNY Purchase College und nachts trat sie als Sängerin in den Jazzclubs von Manhattan auf. Ein Besuch in New Orleans führte dazu, dass sie sich in die Stadt verliebte und 2017 dorthin zog. Die einzigartige Mischung von New Orleans aus lateinamerikanischem, französischem und afroamerikanischem Jazz-Erbe ermöglichte es ihr, alle Facetten ihrer eigenen musikalischen Identität vollständig zu erkunden, frei von den Fesseln von Genres und sich mit ihrer eigenen inneren Kreativität zu verbinden.
Im Flow der Rhythmik und mit der Band
Man spürt von Anfang an welche unvergleichliche Interpretin hier auf der Bühne steht. Poppig softer Sambarhythmen wechseln sich mit witzigen und einfallsreichen Improvisationen ab. Michael Valeanu steht mit seinen Gitarrensolos nahezu auf dem gleichem improvisatorischen Level. Das feine Bassspiel von Matteo Bortone und die unbändige Rhythmus-maschine Pedro Segundo legen die Basis für dieses musikalischer Feuerwerk. Gegen später zeigt Segundo was an einem relativ schlichten Drumset mit der entsprechenden Fantasie alles möglich ist. Sein außergewöhnliche Soloeinlage reißt die Leute fast von den Sitzen. Abgesehen davon fällt es an diesem Abend den anwesenden Zuschauern bei vielen der Songs außergewöhnlich schwer sitzen zu bleiben.
Man fühlt sich beschwingt und eingehüllt in einen Kokon warmherziger, frischer und hoch emotionaler musikalischer Kunst. Besonders berührt es, wenn Aimèe in ihrer französischen Muttersprache das ein oder andere Chanson ins Publikum haucht. Man ist berührt, wenn die Sängerin mit brüchiger Stimme über gebrochene Herzen singt und einem Gänsehaut auf dem ganzen Körper bereitet. Es ist zudem faszinierend mit welche Bandbreite an musikalischer Vielfalt Sängerin und Band sich präsentieren. Der erste Teil des Abends ist eher der poppigen Kunstform im Sambarhythmus, dem amerikanischen und dem französischen Liedgut gewidmet. “Marry Me a Little“, ihre Version eines Stephen Sondheim Songs wurde 2019 sogar für einen Grammy nominiert.
…und dann kommt doch noch der Jazz um die Ecke geflogen
„Wir sind doch hier in einem Jazzclub, dann mach ich auch mal Jazz“, ihre Ansage im zweiten Teil des Abends und dann legt sie auch entsprechend los. Man spürt sofort, dass Aimèe genügend Erfahrungen mit renommierten Jazzmusikern wie zum Beispiel mit Roy Hargrove gemacht hat, denn ihre Sicherheit und Improvisationskunst beim Scatgesang ist atemberaubend. Wieder eigentlich Zeit fürs Publikum aufzustehen um sich zum Rhythmus der Musik zu bewegen, was zum Großteil dann auch wirklich geschieht. Treibende Drums, knallige Gitarrensolos, immer wieder zwischendurch eine sparsame Instrumentierung sanfter Songs, das ganze musikalische Puzzle passt perfekt zusammen und ist äußerst reizvoll anzuhören.
Wenn die Piaf Samba in den Straßen von New Orleans tanzt
Ihre Version des Klassikers „Bye, bye Blackbird“ ruhig und mit einem unwiderstehlichen Schmelz in den Stimmbändern dargeboten ist traumhaft. Es ist ein „Ying und Yang-Musikabend“ der abwechslungsreicher kaum sein kann. Das wird einem am Ende der normalen Setlist klar, als Pedro Segundo noch einmal in einem aberwitzigem Drive sein Drumset inklusive eines antiken Waschbretts „malträtiert“ und das Publikum fassungslos und gleichzeitig staunend frenetisch applaudieren lässt. Und als Zugabe kommt, was kommen muss Edith Piafs „La Vie en Rose“, bis heute mehr als 6 Millionen Mal bei YouTube geklickt. Mit der Tiefe dieses Liedes und der Raffinesse des Jazz, der Direktheit des Pop und den unwiderstehlichen Tanzrhythmen der Karibik hat das Publikum alle Facetten, die diese Künstlerin und ihre famose Band bietet, an diesem Abend durchlebt. Chapeau Cyrille!
Harald Kümmel
Portraits von Cyrille Aimée











