Thomas Stieger Band im Jazzclub Bix Stuttgart 2026
Thomas Stieger (b, ld)
Simon Oslender (keys)
Marc Doffey (sax, flute)
Igor Osypov (git)
Peter Gall (dr)
Stuttgart, 5.2.2026
Das „Bassisten-Chamäleon“ und seine Edeltruppe im Jazzclub
Seine Basstöne gehört haben vermutlich schon die meisten irgend wann einmal gehört, sei es bei Popqueen Sarah Connor, in den Bands von Wolfgang Haffner oder Nils Landgren. Als Sideman ist er in vielen Genres von Pop über Indie bis hin zu Jazz unterwegs. Auf über 100 Aufnahmen ist Thomas Stieger inzwischen zu hören. Als Sessionmusiker trat er mit Künstlern wie Jimmy Somerville, Gregory Porter, Narada Michael Walden, Cory Wong, Klaus Doldinger, Chris Barber, Gregor Meyle, Nils Wülker oder Thomas Quasthoff auf.
Im September 2024 erschien sein erstes Album „Choices“ unter eigenem Namen. Die Einspielung entstand mit vielen illustren Gästen wie beispielsweise Randy Brecker oder dem Balafonisten Aly Keitas. Wie wandelbar seine musikalischen Fähigkeiten sind zeigt der Bassist auf diesem Album unter anderem auch beim Zusammenspiel mit einem Streichquartett, das ein Beispiel dafür ist, wie groß die Palette seiner Möglichkeiten ist.
Eine musikalische „Preisträger-Edelgruppe“.
Thomas Stieger hat an diesem Abend allerfeinste Protagonisten aus der Jazz Szene dabei, darunter den gefeierten Bandleader und WDR Jazzpreisträger 2025 Simon Oslender am Klavier und Peter Gall an den Drums, der 2025 ebenfalls den Deutschen Jazzpreis für das beste Album erhielt. Nicht minder angesehen sind Marc Doffey am Saxofon, der nicht nur ein herausragender Instrumentalist ist, sondern auch als Arrangeur und vielseitiger Komponist in der Musikszene eine feste Größe ist. Gitarrist Igor Osypov zählt gegenwärtig zu einem der aufregendsten Musikern an den sechs Saiten.
Gleich bei den ersten Klängen von „Noemi’s Song“ ist die ganz besondere Energie zwischen diesen Ausnahmemusikern spürbar. Sanft beginnt das Ganze mit klanglichen Ähnlichkeiten zum „Nordic Jazz“ und man meint so ein wenig eine Mischung aus Tingvall Trio und Nils Landgren herauszuhören. Doch dann durchbricht Saxofonist Doffey diesen ruhigen Beginn mit einem äußerst virtuosen Solo in dem er gleich alle seine außergewöhnlichen Fähigkeiten aufzeigt. Nicht minder aufregend und begeisternd ist das Solo von Igor Osypov an der E-Gitarre. Stieger am Bass und Gall am Schlagzeug untermauern diese Virtuosität der Beiden mit maximal Dynamik und Simon Oslender an den Tasten perfektioniert das musikalisch Konstrukt dann noch mit dem nötigen Drive. Das Publikum im Bix ist von Anfang an begeistert und musikalisch zu 100% mit im „Sound-Boot“.
Die Freude am musikalischen Spiel und 0:16 gegen „Schweini“
Die Freude am kollektiven Zusammenspiel und die Wertschätzung der musikalischen Fähigkeiten seiner Mitstreiter ist bei Thomas Stieger während des gesamten Konzertes im Gesicht abzulesen. Stiegers Bass fungiert nicht nur als Begleitinstrument, seine feinfühligen Solos erzeugen aufmerksame Stille im Club und berühren das Musikerherz. Besonders bei „Changes“ ist die Vielseitigkeit seines Tuns erkennbar. Oslender am Piano untermalt das Bassspiel auf äußerst intelligente Weise und übernimmt dann übergangslos das musikalische Zepter mit einem fesselnden Solo.
Immer wieder betont Stieger, dass der legendäre Bassist Jaco Pastorius sein absolutes Vorbild ist, was auch gelegentlich bei seinem Spiel durchfunkelt. Neben den Geschichten aus dem Musikerleben, gibt es durchaus auch andere humorvolle Begebenheiten abseits der Jazzszene. Schlagzeuger Peter Gall beispielsweise kann mit einer Sportgeschichte glänzen, wenn er erzählt, dass er als Fußball-Jüngling einmal die Ehre hatte gegen die Bayernikone Bastian Schweinsteiger zu kicken, aber leider erfolglos, 0:16 verloren. Erfolgreich ist jedoch die musikalische Darbietung weiterhin, mal harmonisch, wenn das Quintett wie aus einem Guss Soundlinien in der Raum zaubert, mal wild und frei, besonders wenn Doffey in sein Instrument bläst. Ein instrumentaler Intervalllauf der seines Gleichen sucht und nach 50 Minuten eine Pause einfordert.
Die Fender-Jazzmaster findet ihren Meister
Igor Osypov zieht nach der Pause die Zuhörer sofort in seinen Bann, als er bei „Choices“ dem Titelstück des aktuellen Albums, alle Register seines Spiels zieht und aus seiner Fender-Jazzmaster unglaubliche Töne herausholt. Mal meint man Pat Metheney herauszuhören, mal eine homöopathische Dosis Hendrix, dann wieder das beruhigende Spiel eines Jim Hall. Aber letztendlich ist es die ganz eigene und außergewöhnliche „Osypov-Melange“. Und überhaupt ist es die Mischung aus technolastigem Sound, Nordic Jazz und anderen Elementen aus der Musik, die diesen facettenreichen Abend besonders machen. Jeder der Protagonisten genießt bei seinem Tun die Aufmerksamkeit und den Respekt der Mitstreiter.
Bei „Chez Aly“ spielt sich Drummer Gall in einen afrikanischen Rhythmusrausch, der in einem ekstasischen Inferno kulminiert, in dem alle fünf Musiker nochmal eine perfekte Klangsymbiose eingehen. Man hört das Publikum nach dieser musikalischen „Tour de Force“ regelrecht durchatmen. Da kommt ein entspanntes „Happy Birthday“ für den Rottenburger Jazzdrummer Michael Kersting, der an diesem Abend seinen 72-siebzigsten Geburtstag im Bix feiert, gerade recht. Bei der Zugabe „Ocean“ wird es dann ruhiger, besinnlicher, und das passt genau richtig zu dieser fortgeschrittenen Stunde. Den Gesangspart, der im Original von der deutschen Jazzsängerin Alma Naidu bestritten wird, übernimmt Saxofonist Doffey mit seinem Instrument und das äußerst feinfühlig. Besser kann ein Abend kaum ausklingen, sanft, wunderbar und emotional zu tiefst berührend.
Harald Kümmel
Portraits von Thomas Stieger
Portraits von Marc Doffey
Portraits von Simon Oslender
Portraits von Igor Osypov
Portraits von Peter Gall














