Pete Roth Trio im Jazzclub BIX Stuttgart 2026
Konzertreview des Pete Roth Trio im Bix Stuttgart 2026
Pete Roth – Gitarre
Mike Pratt – Bass
Bill Bruford – Schlagzeug
Trio mit Schlagzeuglegende
Stuttgart, 8. Oktober 2026. „Es ist schön, wieder ab und zu in meiner Heimat aufzutreten, im Land der Maultaschen“, begrüßte Bandleader und Gitarrist Pete Roth sein Publikum auf Deutsch im nahezu ausverkauften Stuttgarter BIX. Der in Rastatt geborene Musiker lebt seit Jahrzehnten in England und hat sich dort als vielseitiger Gitarrist etabliert.
Bereits mit elf Jahren griff Roth zur Gitarre. Zunächst prägte ihn die Energie von Blues und Rock, später beschäftigte er sich intensiv mit Jazz. Zu seinen Einflüssen zählen Joe Pass, John Scofield und Julian Lage. Diese unterschiedlichen musikalischen Erfahrungen fließen auch in sein Trio ein: in ein offenes Zusammenspiel, das eingängige Melodien ebenso zulässt wie rhythmische Experimente und klangliche Ausflüge.
Eine Legende am spartanischen Drumset
Mit Bill Bruford saß eine Schlagzeuglegende auf der Bühne. Als Mitglied von Yes und King Crimson sowie zeitweise als Tourneeschlagzeuger von Genesis schrieb er ein Stück Rockgeschichte mit. Doch Brufords musikalischer Horizont reichte schon früh weit über den Progressive Rock hinaus. Seine Zusammenarbeit mit Musikern wie Allan Holdsworth, Al Di Meola und David Torn sowie seine eigenen Bands Bruford und Earthworks zeugen davon.
Mit diesen Formationen erkundete er über Jahrzehnte komplexe Rockstrukturen, elektronischen Jazz und schließlich den akustischen Jazz. Sein Einfluss brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein, darunter 1990 die Aufnahme in die Modern Drummer Hall of Fame und 2017 als Mitglied von Yes in die Rock and Roll Hall of Fame.
Eigentlich hatte Bruford seine Bühnenlaufbahn bereits beendet: Anfang 2009 zog er sich aus dem öffentlichen Konzertbetrieb zurück, 2020 verkaufte er sogar seine Instrumente. Doch 2022 kehrte die Lust am Spielen zurück. Er besorgte sich wieder ein Schlagzeug und begann zu üben.
Im BIX wirkte sein Instrumentarium ausgesprochen spartanisch. Wer seine ausladenden, teils elektronischen Schlagzeugaufbauten früherer Jahrzehnte vor Augen hatte, konnte über diese Reduktion nur staunen. Wenig Material, große Wirkung – wie eindrucksvoll diese Rechnung aufgehen konnte, zeigte sich im Laufe des Abends.
Musikalische Nachbarn finden zusammen
Für seinen Wiedereinstieg erinnerte sich Bruford an Pete Roth. Rund zwanzig Jahre zuvor hatte dieser als Schlagzeugtechniker und Tourmanager für Earthworks gearbeitet. Zudem wohnte er in der Nähe. Aus gemeinsamen Proben entwickelte sich allmählich eine Band.
Roth brachte den Bassisten Mike Pratt ins Spiel. Zunächst probten die drei mit akustischem Bass, später wechselten sie zum elektrischen. Im Juli 2023 spielte das Pete Roth Trio seinen ersten regulären Auftritt im Arts Centre von Ventnor auf der Isle of Wight. Seither ist aus dem zunächst zwanglosen Zusammenschluss eine international tourende Formation geworden.
Im Mittelpunkt stehen Eigenkompositionen Roths und gemeinsam entwickelte Stücke. Rock, Jazz und Improvisation greifen dabei ineinander, ohne dass sich die Musiker dauerhaft auf eine Richtung festlegen.
Virtuoses Zusammenspiel und hörbare Spielfreude
Zu Beginn erinnerte das Trio mit einem ruhigen Stück an den in diesem Jahr verstorbenen Gitarristen Ralph Towner. Schon hier blitzten erste Facetten des virtuosen Zusammenspiels auf. Im Laufe des Abends erzählte Roth vom Werdegang der Band und würzte seine Ansagen mit humorvollen Anekdoten aus dem Musikerleben. Ebenso viel zu erzählen hatte allerdings die Musik.
Besonders eindrucksvoll geriet die Bearbeitung des Largos aus Antonín Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“. Das Trio löste die vertrauten Melodien aus ihrem sinfonischen Zusammenhang und überführte sie in einen eigenen Klangraum. Zarte Melodiebögen trafen auf ein bewegliches Zusammenspiel, das dem von Beginn an aufmerksamen Publikum immer neue Einzelheiten bot.
Bruford begleitete diese musikalischen Ausflüge mit seinem unverwechselbaren Gespür für rhythmische Akzente. Oft spielte er leise und zurückhaltend, blieb aber jederzeit präsent. Seine Beiträge zeigten, wie viel sich mit fein gesetzten Schlägen und bewusst gelassenen Zwischenräumen ausdrücken lässt.
Die Spielfreude der drei Musiker war deutlich zu spüren. Jeder konnte über die gewohnte Rolle seines Instruments hinauswachsen und das melodische wie harmonische Geschehen mitgestalten. So entstanden im Laufe der gut neunzig Minuten immer wieder überraschende Klangfarben.
Roth strich gelegentlich so behutsam über die Saiten, dass Erinnerungen an Jeff Beck wachwurden. Dann wieder ließ er hallgetränkte Rückkopplungen aus dem Verstärker aufsteigen. Bei „Looking Forward to Looking Back“ waren deutliche Anklänge an Jimi Hendrix zu hören. Solche Bezüge blieben jedoch Teil einer eigenen musikalischen Sprache.
Auch stilistisch hielt sich das Trio alle Wege offen. Bei „Something About the Sunrise“ zeigte Roth seine funkige Seite, wenig später ging das Zusammenspiel in bluesigen Swing über. Die Wechsel wirkten selbstverständlich und wurden von der gemeinsamen Lust am Entdecken getragen.
Ganz zum Schluss gab Bruford seine Zurückhaltung auf. An seinem auf das Wesentliche reduzierten Drumset zeigte er noch einmal eindrucksvoll, welche Kraft und klangliche Vielfalt in diesem kleinen Aufbau steckten. Ein grandioser Konzertabend im Stuttgarter BIX – für die Band ebenso wie für ihr Publikum.
Harald Kümmel









