Konzerte

Kraftwerk am Schlossplatz – jazzopen Stuttgart 2025

Ralf Hütter (seit 1970) – Audio Operator
Henning Schmitz (seit 1991) – Audio Operator
Falk Grieffenhagen (seit 2012) – Audio Operator
Georg Bongartz (seit 2023) – Video Operator

Stuttgart, 8.Juni 2025

Nichts Neues von den älteren Herren aus dem Kraftwerk

Eine kleine Zeitreise ins schwäbische Sindelfingen

Zeitsprung in das Frühjahr 1972, Ausstellungshalle Sindelfingen. Eine Location in der Daimlerstadt in der damals viele Konzerte namhafter Band wie Metallica, Motörhead oder Fleetwood Mac stattfanden. An diesem Frühjahrstag sollte Wolfgang Dauner mit seiner Gruppe EtCetera auftreten, im Vorprogramm eine für viele unbekannte Gruppe aus Düsseldorf. Ich war damals 16 Jahre und als Ordner und Aufbauhelfer für diese Konzert eingeteilt. Am späten Nachmittag fuhr dann ein klappriger Ford-Transit mit 3 jungen Herren am Halleneingang vor. „Hallo wir sind Kraftwerk und sollen hier spielen. Ich bin der Ralf, könntest du uns beim Ausladen helfen? Und so trugen wir die damals etwas schmächtige Anlage in die Halle, Instrumente, bis auf ein recht mageres Schlagzeug, Fehlanzeige. Viele mir unbekannte elektronische „Maschinen“ wurden dann auf der Bühne aufgestellt. Nach gut einer Stunde waren Aufbau und Soundcheck beendet. Noch zwei Stunden bis zum Auftritt. Wie könnten wir die Zeit sinnvoll überbrücken? Man glaubt es kaum, die Jungs hatten einen Fußball im Auto und so kam ich zu dem Vergnügen mit der damals noch recht unbekannten Techno-Kraut-Rock-Gruppe Kraftwerk, auf der Festwiese in Sindelfingen Fußball spielen zu können. Übrigens das anschließende Konzert war für viele etwas völlig Neues, ein nie zuvor gehörter Sound, der manch einen etwas ratlos und verwirrt zurückließ. Aber so entstehen und wachsen eben Legenden, indem sie etwas erschaffen was es bis dahin noch nicht gab.

Legenden brauchen nicht immer wieder die Musik neu erfinden.

Zurück in die Gegenwart, 53 Jahre später Stuttgart Jazz Open, ein mit 7200 Zuschauern ausverkaufter Schlossplatz. In den letzten fünf Jahrzehnten hat sich die damals experimentierfreudige Band zu einer der Erfolgreichsten in der Szene entwickelt. Ihre verschiedenen Einspielungen beeinflussten zahlreiche Musikstile wie beispielsweise Synthiepop, Electro, Detroit Techno, House, Disco und übten Einfluss auf die Anfänge des Hip-Hop aus. Viele bezeichnen Kraftwerk auch als eine der einflussreichsten Bands in der Musikgeschichte. 2021 wurde die Gruppe in die Rock n Roll Hall of Fame aufgenommen.  Ralf Hütter, der letzte der von der Gründungsformation noch übrig ist, und seine 3 Mitstreiter lassen lange auf sich warten, bis sie viertel vor neun die Bühne betreten. Man wollte wohl abwarten, bis die Sonne hinter dem Schloßplatz versunken war, damit die visuellen Effekte, die mit wichtigster Bestandteil eines Kraftwerk-Konzertes sind auch zur Geltung kommen. Viele der Musikfans erinnern sich bestimmt noch an den historischen Auftritt bei den Jazz Open 2018, als Alexander Gerst live aus dem Weltall zugeschaltet wurde. Kraftwerk und Gerst spielten dabei das Lied Spacelab aus dem Jahr 1978 als Duett. Das dies nicht zu toppen ist war jedem der an diesem Abend anwesend von Anfang an klar. Dennoch sind die Erwartungen bei jedem der rar gewordenen Auftritte ziemlich weit oben angesiedelt. Die Musikreise führt durch alle Jahrzehnte und bietet im Prinzip nichts Neues, doch eine Band wie Kraftwerk mit diesem Legendenstatus muss eigentlich nichts Neues mehr bringen um die Massen zu begeistern.

Von der Mensch-Maschine über die Autobahn zur Tour de France

Die perfekt inszenierte „Mensch-Maschine-Show“ ist ein durch-konzipiertes Gesamtkunstwerk, dass emotional wenig wachruft und zwischendurch stellt man sich die Frage, ob das wirklich Menschen sind, die da auf der Bühne hinter ihren Computern stehen. In den knapp zwei Stunden entsteht keinerlei Kontakt mit dem Publikum, bis auf ein „Gute Nacht, auf Wiedersehen“ von Ralf Hütter am Ende des Abends. Diese gewisse Distanz zwischen Band und Zuschauer ist üblich bei Kraftwerk Konzerten und wird auch so von den Fans als normal hingenommen  Leider ist der Sound an diesem Abend alles andere als perfekt, die Bässe sind heillos übersteuert und viele in den vorderen Reihen ergreifen schon nach wenigen Minuten die Flucht, um das Vergnügen von etwas weiter hinten zu erleben. Die vier älteren Herren in ihren illuminierten Neopren-Anzügen, präsentieren souverän, nahezu bewegungslos ihre ganze „Hitpalette“, und man fragt sich oft ist das auch alles live, oder eine KI gesteuerte Playback-Show. Egal, das Gesamtkunstwerk zählt und jedesmal brandet Jubel auf, wenn bekannte Titel wie „Autobahn“, „Das Model“, oder aktuell passend „Tour de France“ erklingen.

Keine Überraschungen und wie üblich verabschieden sich die Roboter

Überraschungen, wenn auch von einigen erwartet gibt es in den knapp zwei Stunden nicht. Die Fans genießen das visuelle Soundspektakel, relativ reserviert, lediglich die frischen 15 Grad Außentemperatur regen an sich etwas in Bewegung zu versetzen. Die Stimmung schwankt irgendwo zwischen Faszination und Enttäuschung und der breiige bassüberlastete Sound trägt nicht unbedingt dazu bei, dass das ganze Event in eine euphorische Stimmung übergeht. Klar, keine Band war musikalisch der Zukunft so voraus wie Kraftwerk, aber seit Jahren gibt es was die musikalischen Aspekte betrifft keine Innovation mehr. Die Herren sind eben nun auch schon in die Jahre gekommen und was sie in den fünf Jahrzehnten an musikgeschlichen Dingen geschaffen haben ist unvergleichlich und aller Ehren wert. Inwieweit sich das Konstrukt Kraftwerk zukünftig weiterentwickeln wird, steht in den Sternen und wer weiß, vielleicht war dies eines der letzten Konzerte in der Musikhistorie dieser Band zumindest was Stuttgart betrifft. Im November gibt es allerdings nochmal eine Tour mit 18 Konzerten, die meisten sind schon ausverkauft. Als die wie üblich einzige Zugabe „Wir sind die Roboter“ erklingt, kommen in mir nochmal nostalgische Erinnerungen hoch, habe ich doch vor 53 Jahren mit dem älteren Herrn der da rechts auf der Bühne steht auf der Festwiese in Sindelfingen Fußball gespielt.

Harald Kümmel

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