Harriet Tubman im Jazzclub Bix Stuttgart 2026
Harriet Tubman sind:
Brandon Ross (git, banjo, voc)
Melvin Gibbs (b)
JT Lewis (dr)
Stuttgart, 19. März 2026
Psychodelischer „Jazz-Rock-Voodoozauber“ trifft Hendrix und Marley
Von der ersten Sekunde an spürt man im renommierten Stuttgarter Jazzclub BIX, dass an diesem Abend musikalisch nichts Alltägliches passieren wird, als drei „seltsame Gestalten“ wortlos die kleine Bühne des Clubs entern und beginnen ihren Soundzauber auszustreuen. Das Trio hat sich nach der bekanntesten amerikanischen Fluchthelferin Harriet Tubman benannt, die im 19. Jahrhundert Tausenden von Sklaven zur Flucht von den Südstaaten in die Nordstaaten oder nach Kanada verhalf. Flucht war auch im Laufe der nächsten 2 Stunden das Schlagwort für ein paar wenige Konzertbesucher, die das BIX kopfschüttelnd, oder vielleicht auch etwas verstört vorzeitig verließen.
Auf der Bühne stehen drei Ausnahmemusiker, die auch in ihrem Erscheinungsbild nicht den konventionellen „Jazzrichtlinien“ gerecht werden. Am Drumset sitzt ein Mensch, der durchaus als alter weißer Voodoo-Zauberer durchgehen könnte, in die Gitarrensaiten greift ein Musiker der wie ein Abziehbild von Bob Marley aussieht. Lediglich der Mann am Bass wirkt dagegen relativ unauffällig, sein Spiel an den dicken Saiten ist jedoch alles andere als unauffällig was sich im Laufe des Abends herausstellen wird.
Ein musikalischer LSD-Trip mit tausend Facetten
Gitarrist Brandon K. Ross streichelt anfangs zart sein Instrument, entlockt ihm schwebende Töne, der Bass wummert sanft darunter, die Becken des Schlagzeugs erklingen zurückhaltend, bevor sich das Soundgebilde nach wenigen Minuten in ein psychodelisches Inferno steigert. Die Gitarre jault, stöhnt in diversen Rückkoppelungen, der Bass kracht urplötzlich verzerrt und ohrenbetäubend in dieses musikalische LSD-Trip Gemälde. In diesen ersten Momenten meint man eine Melange aus Pat Metheny, einem Larry Coryll der unter Drogen steht und dem Sound einer Grungegroup aus Seattle zu hören. Nicht zu vergessen ist der „Voodooman“ an den Drums der inzwischen auch wie ein Derwisch seine Felle bearbeitet.
Dieses bizarre Soundgebilde hinterlässt beim Publikum, offenen Münder, freudvolles Grinsen, oder Kopfschütteln. Es ist nicht einzuordnen was da gerade passiert, aber irgendwie total faszinierend, jenseits jeglichen Mainstreams, weit entfernt vom üblichen Swinging-Bebop-Jazz, der oft hier im Club dargeboten wird. In manchen Momenten denkt man, dass die Soundanlage streikt, falsch eingestellt ist oder die Hochtöner ausgefallen sind. Dem ist aber nicht so, es halt alles Methode in dieser facettenreichen Jazz-Rock-Improshow, die alles andere als gefällig rüber kommt und für mache Ohren wahrscheinlich nicht konsumierbar ist.
„Ich weiß nicht genau was wir spielen, aber jetzt spielen wir mal.“
Wenn man sich einmal die musikalische Vita der drei Protagonisten anschaut, kommt durchaus Erstaunenswertes zu Tage. Gitarrist Brandon K. Ross, der optisch mit seinen langen Rastalocken wie ein „Jungfünfziger“ wirkt, zählt bereits 71 Lenze und hat schon in der 70ger Jahren mit Archie Shepp musiziert und war eine Zeitlang musikalischer Arrangeur bei Cassandra Wilson. Die musikalische Vielfalt von Bassist Melvin Gibbs ist äußerst eindrucksvoll, stehen doch Musiker verschiedenster Gattungen in seiner Vita. Von den Jazzern wie John Zorn und Bill Frisell über den Rockpoeten Henry Rollins zu Marisa Monte und Defunkt ist eine nahezu unüberschaubare Palette an Musikrichtungen vertreten.
Nicht minder eindrucksvoll ist die Liste der Stars bei denen „Voodoo-Drummer“ JT Lewis als Sideman agierte. Lou Reed, Sting, Whitney Housten, Tina Turner, oder Vanessa Williams sind nur einige der vielen Superstars mit denen Lewis auf der Bühne stand. Und jetzt machen die drei ihr eigenes Ding. Musik die Ihnen am Herzen liegt, die Spaß macht und Bezug zu kritischen Themen hat, wie zum Beispiel das Leben in der USA in Trumps kriegerischen Zeiten, oder der immer noch präsente Rassismus gegenüber Minderheiten, Flüchtlingen und „Coulered People“. Repräsentativ für diese Themen ist der Song „Greenbook-Blues“, der sehr strukturiert bluesrockig dargeboten wird. Wie fantasievoll und flexibel das Trio ist, kann man erahnen als Gibbs bei seiner Ansage anklingen lässt, dass er nicht genau weiß, was wir jetzt spielen, aber wir spielen halt mal.
Freakige „Jazz-Rock-Hybriden“ und der Song of Freedom
Nach der Pause hat sich das Publikum minimal reduziert, denn diejenigen deren Gehörgewohnheiten überstrapaziert wurden haben die Flucht ergriffen, trotzdem ist das BIX noch äußerst gut gefüllt. Die Musik ist trotz ihrer Wildheit perfekt zusammengefügt, ein Rausch elastischer Songformen, die von einem hochkreativen Improvisationsstil hin und her gezogen werden, ohne einen einzigen Ton zu verschwenden. Alle Elemente fügen sich mit einer Leichtigkeit zusammen, die den großen Abenteuersinn der Musik verrät. Aber das ist das Kennzeichen großer Musiker. Ob jetzt John Abercrombie oder die Band of Gypsies von Jimi Hendrix bei manchen Soundcollagen Pate standen, ist nicht von Belang, denn die Ästhetik passt nahtlos zum Originalmaterial.
Apropos Cover, nach siebzig Minuten, lugt dann doch noch Bob Marley um die Ecke. Brandon Ross zelebriert den „Redemption Song“ mit seiner Sopranstimme in einer unnachahmlichen zarter Art und Weise, leise zurückhaltend, aber so intensiv, dass es einen im positiven Sinn erschaudern lässt. Man hätte sich mehr von diesen Gesangspassagen gewünscht, aber so oder so, die Darbietung fasziniert und erzeugt in vielen Momenten ungläubiges Staunen. Die Zugabe nutzt das Trio nochmal als musikalischen „Tobe-Spielplatz“, es kracht, rauscht, wummert und jault aus allen Ecken, bevor die Sanftheit wieder die Oberhand gewinnt und das Publikum völlig berauscht zurück lässt.
Für alle Konzertbesucher war dieser Abend (zumindest für diejenigen die bis zum Schluss da waren) wohl eine unvergessliche Performance, die in solch einer Weise musikalisch selten im BIX dargeboten wurde. Ein „Jazz-Rock-Voodoo-Zauber-Abend“ eben, eine Reise durch Zeit und Raum musikalischer Möglichkeiten. Einen Trip den man gerne wiederholt.
Harald Kümmel
Hier das Programm des Jazzclub Bix Stuttgart









