FestivalKonzerte

Till Brönner – Dieter Ilg Duo beim Jazzfestival Esslingen 2025

Till Brönner (tr, flh)
Dieter Ilg (b)

Esslingen, 29. Oktober 2025

Entspannter swingender Sound in sakraler Lichtstimmung

Wie jedes Jahr sind die Auftritte der Stars in der Stadtkirche beim Esslinger Jazzfestival ein ganz besonderes Highlight. Auch ein Grund hierfür ist die sakrale Lichtstimmung, die in der Stadtkirche St.Dyonis für ein ganz besonderes Ambiente sorgt. Seit nunmehr zehn Jahren gelingt es Festivalchef Maximilian Merkle das „Who is Who“ der Jazzszene an den Neckar zu locken. Was auch zur Folge hat, dass die Stadtkirche nahezu an allen Terminen ausverkauft ist. Auch an diesem Abend warten einige Jazzliebhaber vor dem Eingang um eventuell noch Ticket zu ergattern. Die Kirche ist brechend voll, so dass Merkle den Tipp gibt die Plätze hinter dem Alter zu belegen. „Sie sehen die Musiker dann halt nur von hinten, aber die Musik hören sie dann trotzdem richtig rum,“ verspricht er schmunzelnd.

Es ist die logische Folge, wenn ein Weltstar sich die Ehre gibt und noch einen der besten und innovativsten Bassisten an seiner Seite hat, dass die räumlich bedingte begrenzte Anzahl der Tickets schnell vergriffen ist. Till Brönner, eines der Aushängeschilder der deutschen Jazzmusik, begeistert seit Jahren ein breitgefächertes Publikum als Musiker, Arrangeur, Komponist, Radiomoderator und musikalischer Grenzgänger. Sogar als Fotograf hat er sich einen Namen gemacht.

Nicht minder prominent in der Szene ist sein Mitspieler an diesem Abend. Der Bassist Dieter Ilg gehört seit vielen Jahren zu den einflussreichsten Musikern im europäischen Jazz. Sein internationaler Ruf beruht auf seiner technischen Brillanz, seiner Vitalität im Spiel, seiner Neugier neue Horizonte zu erschließen und auf seiner sensitiven Hingabe an den Moment. Kaum verwunderlich das er schon mit drei ECHO-Jazzpreisen geehrt wurde.

Das „Warm-Up“ des Konzertabends beginnt schlicht, swingend mit einer interessanten Version von Leonard Cohens „A thousend Kisses deep“. Träumerisch schön und sanft gespielt und dem Zuhörer wird hier gleich klar, dass beide Musiker sich auf Augenhöhe begegnen und vom ersten Ton an ein stimmiges Ganzes erschaffen wollen.

Humorvolles Entertainment und „PENG-PENG“

Wer Brönner schon mal als Radiomoderator hören konnte, weiß, dass der smarte Typ mit der Trompete die Pausen zwischen den Stücken durchaus humorvoll und kurzweilig gestalten kann, wenn er erklärt, dass er nicht immer eine Big-Band benötigt um großartigen Sound zu erzeugen, schließlich hat er ja mit Dieter Ilg die beste „Bass-Big-Band“ der Welt an seiner Seite. Brönner erzeugt auch augenzwinkernd Spannung (wer weiß schon was in den nächsten viereinhalb Stunden musikalisch auf uns zukommt) und warnt vor, denn nicht immer ist alles wie zu Beginn einfache Musikkost.

Nach dem „konservativen Einstieg“ in den Abend folgt ein impulsives und im wahrsten Sinne knallendes Stück mit dem Titel „PENG-PENG“. Hier schleudern die beiden Musiker regelrecht ihre Töne knallend und krachend in das Kirchenoval. Besonders mit ihren Eigenkompositionen zeigen sie ihre unerschöpfliche Virtuosität, so kann man bei dem Stück „Wetterstein“ die harte und raue Natur dieser Gebirgslandschaft fast schon körperlich spüren.

Jedes Stück, so Brönner hat seine ganz eigene Handschrift und klingt jeden Abend etwas anders. Keine unwesentliche Rolle spielt in den Konzerten der Beiden der Einsatz von elektronischen Overdubs, mit denen Brönner geschickt den Sound verfremdet, unterlegt oder vervielfacht. Das Publikum jedenfalls ist fasziniert von diesen vielfältigen Klanggebilden die daraus entstehen.

Von den Beatles bis zu Britney Spears und kirchlichen Chorälen

Vielfältigkeit ist auch ein Motto an diesem Abend, zwischen den klanglich virtuosen Höhenflügen landet man doch gelegentlich wieder bei der vermeintlich profanen Pop- und Filmmusik. Doch was das Duo daraus macht ist erstaunlich und hat einen ganz eigenen musikalischen Stempel, der den Stücken aufgedrückt wird. Bei „Eleanor Rigby“ von den Beatles muss man schon ganz genau hinhören um die Melodielinien, die die beiden variieren und verfremden, zu erkennen.

Selbst der prinzipiell einfach strukturierte Britney Spears Hit „Body and Soul“ wird zu einen kleinen klangliche Kunstwerk. Hier wurde Papa Til von seiner vierjährigen Tochter inspiriert, die bei diesem Song durch die Wohnung tanzt und das sollte man sich einfach noch dazu vorstellen, so Brönner. Auch der Broadway Klassiker „Nothing else but me“ oder Johnny Greens „Body and Soul“ kamen an diesem Abend zu Ehren und es ist schon äußerst bemerkenswert, mit welcher Innovationskraft das Duo diesen Stücken neue Lebenskraft einhaucht.

Was Bassist Ilg teilwiese an Tönen aus seinem Instrument herauszaubert ist überraschend und wurde in dieser Form bestimmt von manchem Zuschauer noch nie gehört. Es knarzt, summt, wabbert, schwingt und zeigt welche klanglichen Möglichkeiten dieses oft unterschätzte Instrument bietet. Als der bis dahin „sprachlose“ Ilg vor der Zugabe doch noch das Mikro übernimmt, entpuppt sich dieser als humorvoller Philosoph und es stellt sich heraus, dass er seinem Gegenüber nicht nur musikalisch, sondern auch sprachlich das Wasser reichen kann.

Ein wundervolles und hinreißendes Konzert wird, dem Rahmen entsprechend, mit einer am Einfallsreichtum gespickten Version des Kirchenchorals „Ach bleib mit Deiner Gabe“ beschlossen. Wieder mal ein „Sternstunde“ in der Historie des Esslinger Jazzfestivals.

Harald Kümmel

Portraits von Till Brönner

Portraits von Dieter Ilg