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paulo almeida – love in motion

paulo almeida - love in motion
paulo almeida – love in motion

Lorenzo Vitolo – piano and synths
Josh Schofield – alto and soprano saxophone
Joan Codina – acoustic bass
Paulo Almeida – drums, vocals, percussion

Jorge Rossy – vibes in Ipê
Lisette Spinnler – vocal in Nenhum Talvez

Veröffentlichung 24. April 2026

Auseinandersetzung mit Struktur, Atem und Interaktion

In Brasilien aufzuwachsen bedeutet, mit Rhythmus aufzuwachsen. Er ist Teil des Alltags – in der Sprache, bei gemeinschaftlichen Zusammenkünften, religiösen Zeremonien und in der Art, wie Musik gelernt und geteilt wird. Auf seinem sechsten Album leugnet Almeida diese Grundlage zwar nicht, versteift sich aber auch nicht darauf. Anstatt den Groove in den Mittelpunkt zu stellen, schafft er ein neues Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Elementen der Musik.

Der mittlerweile in Basel lebende Schlagzeuger Paulo Almeida geht an das Komponieren ebenso fließend heran, wie er sich zwischen Kontinenten und Traditionen bewegt, und Love in Motion macht diesen Prozess hörbar. Das Studioalbum entstand während einer intensiven Phase am Klavier, in der er Ideen gesanglich durchspielte, bevor er sie auf das Schlagzeug und seine Band übertrug. Almeida arbeitet am liebsten auf diese Weise. Er nutzt seine Stimme nicht als Verzierung, sondern als kompositorisches Werkzeug, um eine Richtung zu formen und zu phrasieren, noch bevor auch nur ein einziges Schlagzeugmuster feststeht.

Das Singen begleitet ihn seit seiner Kindheit, und hier wird dieser Hintergrund unmittelbar spürbar. Er fügt sich ganz natürlich in seine Herangehensweise an das Schlagzeug ein. Anstatt es als rein rhythmischen Motor zu betrachten, versteht Almeida es als Instrument der Klangfarbe, der Kontur und der melodischen Präsenz. Das Schlagzeug gibt nicht einfach nur den Takt vor; es ist an dessen Gestaltung beteiligt und reagiert auf Atem und Phrasierung, anstatt eine Struktur aufzuzwingen.

Die Musiker

Dieser Ansatz setzte sich auch im Aufnahmeprozess fort. Das Album entstand in Zusammenarbeit mit Musikern aus Almeidas engstem Kreis in Basel – Musikern, die seine Sprache verstehen, darunter Lorenzo VitoloJosh Schofield und Joan Codina, sowie ein Gastauftritt des einflussreichen und international anerkannten Jorge Rossy. Die Sessions wurden weniger von festen Arrangements als vielmehr vom gegenseitigen Zuhören und kollektiven Abstimmen geleitet. Die Rollen innerhalb der Band wechseln auf subtile Weise, und die Musik entfaltet sich eher durch gemeinsames Gespür als durch Hierarchien.

paulo almeida - love in motion-band
paulo almeida – love in motion-band

In diesem Zusammenhang bildet Almeidas langjährige Verbindung zum brasilianischen Komponisten Hermeto Pascoal einen roten Faden. Da er an Orten studiert hat, an denen Pascoals Musik im Mittelpunkt stand, und mit Musikern aus dessen Umfeld zusammen-gearbeitet hat, führt Almeida diese Tradition hier fort und bewahrt dabei die Unmittelbarkeit und spirituelle Offenheit, die Pascoals Einfluss auf ihn seit jeher geprägt haben.

Love in Motion präsentiert Almeida nicht unter einem einzigen stilistischen Etikett, sondern durch eine fortwährende Auseinandersetzung mit Struktur, Atem und Interaktion. Das Stück vereint brasilianische Wurzeln, einen europäischen Kontext und ein klares Bewusstsein für die eigene Tradition und zeichnet so ein fokussiertes Porträt eines Künstlers, der seine Ausdrucksweise verfeinert, dabei aber stets eng mit ihren Ursprüngen verbunden bleibt.

Paulo Almeida © Yaroslav Monchak
Paulo Almeida © Yaroslav Monchak

Almeida über seine Tracks

„Burning Skin“ – Ich habe diesen Song in einer Zeit geschrieben, in der ich mit Angstzuständen zu kämpfen hatte, und eines der Symptome war ein brennendes Gefühl auf meiner Haut. Die Melodie ist stark von Hermeto Pascoal beeinflusst, der mich mein ganzes Leben lang inspiriert hat.

„Um Sopro“ – Dieser Song entstand aus der Reflexion darüber, dass das Leben wie ein Atemzug ist – „sopro“ auf Portugiesisch. Die Musik wurde von den Ideen von Malcolm Braff inspiriert, einem Komponisten, mit dem ich auch das Vergnügen hatte, zusammenzuspielen.

„Lembranças do Boi“ – Dieses Stück wurde von der brasilianischen Kulturbewegung „Boi do Maranhão“ sowie vom Impressionismus inspiriert, bei dem Rhythmus und Melodie manchmal die Rollen tauschen.

„Nenhum Talvez“ (Hermeto Pascoal) – Dieser Song wurde erstmals von Miles Davis aufgenommen, nachdem er Hermeto Pascoal kennengelernt hatte. Da Hermetos Musik mich tief geprägt hat, habe ich ihn zu seinen Ehren aufgenommen und die wunderbare Schweizer Sängerin Lisette Spinnler eingeladen, mich dabei zu begleiten.

„Wintermorgen“ – An einem Wintermorgen während der Entstehungszeit des Albums kam mir diese Melodie auf einmal in den Sinn. Ich schickte sie an Lorenzo Vitolo, um zu erfahren, wie er sie harmonisch umsetzen würde, und so begann unsere erste Zusammenarbeit.

„Resilienz“ – Dieses Stück entstand in einer Zeit, in der ich über die Jahreszeiten in Europa nachdachte. Da ich aus Brasilien stamme, war der Winter etwas Neues für mich und erforderte Widerstandsfähigkeit. Ich habe diesen Gedanken auch mit Claude Monets „Les Nymphéas“ verglichen – in der Überzeugung, dass ein Musikstück, genau wie diese Gemälde, bei jeder Aufführung ein neues Licht auf sich werfen kann.

„Saudade“ – „Saudade“ ist eines der schönsten Wörter im brasilianischen Portugiesisch, und es lässt sich nur schwer genau übersetzen. Ich habe diesen Song in einem nachdenklichen Moment geschrieben, als ich Heimweh nach meiner Heimatstadt, meinen Freunden und meiner Familie hatte.

„Ipê“ – Ipê ist der indigene Name eines brasilianischen Baumes und eine der ältesten Kompositionen auf diesem Album. Für dieses Stück habe ich den großen Meister und Freund Jorge Rossy eingeladen, mit uns zu spielen.

„Saci“ – Saci ist eine legendäre Figur der brasilianischen Kultur – ein einbeiniger Schelm, der durch den Wald hüpft und ihn beschützt. Dieser Song versucht, diesen Geist einzufangen. Im zweiten Teil habe ich mich stark von Paul Motian inspirieren lassen.

TRACKS 

1. Burning Skin 4.37
2. Um Sopro 6.46
3. Lembranças do Boi 5.23
4. Nenhum Talvez 5.50
5. Winter Morning 5.15
6. Resilience 4.19
7. Saudade 2.12
8. Ipê 5.52
9. Saci 5.12

All compositions by Paulo Almeida, except „Nenhum Talvez“ from Hermeto Pascoal and „Winter Morning“ in partnership with Lorenzo Vitolo.
Produced by Paulo Almeida.
Recorded by Guillem Salles at Jazz Campus in Basel in April 2025. Mixed and mastered by Thiago Monteiro.

Über Paulo Almeida

Paulo Almeida ist ein brasilianischer Schlagzeuger, Perkussionist und Komponist, der in Basel lebt. In den letzten zehn Jahren hat er sich als unverwechselbare Stimme in der brasilianischen Instrumentalmusikszene etabliert, indem er afro-brasilianische Rhythmen mit einem sehr melodischen Ansatz am Schlagzeug verbindet. Er begann seine musikalische Ausbildung in São Paulo und setzte sie später am Konservatorium von Tatuí fort, wo er sowohl klassische als auch populäre Musik studierte und auf zahlreichen Festivals spielte.

Als Instrumentalist ist Almeida weltweit bei bedeutenden Festivals und in Jazzclubs aufgetreten und hat mit Künstlern wie Hermeto Pascoal, Dhafer Youssef, Guillermo Klein, Lionel Loueke, Wolfgang Muthspiel, Jorge Rossy, Anat Cohen, Ralph Alessi, Filó Machado und Leny Andrade zusammengearbeitet. Neben seiner Tätigkeit als Bandleader unterrichtet er am Jazzcampus Basel und ist weiterhin in einer Vielzahl von Projekten in ganz Europa aktiv. Zu seiner Diskografie als Bandleader zählen „Constatações“ (2013), „Corpo e Alma“ (2017), „Parceria“ (2017), „Unity – Live at Bird’s Eye Jazz Club“ (2020) und „Oferenda“ (2023).

jazzreportagen.com: Der brasilianische Schlagzeuger Paulo Almeida verbindet auf seinem Album Love in Motion seine rhythmischen Wurzeln mit einem gesanglich geprägten Kompositionsstil, bei dem das Schlagzeug weniger als Taktgeber, sondern vielmehr als melodisches, farbenreiches Instrument im fließenden Zusammenspiel mit seiner Band fungiert. Hörenswert!