Noah Preminger Quartet

Noah Preminger Quartet „After Life“ im Pappelgarten Reutlingen am 26.9.2019

Noah Preminger, sax
Jason Palmer, tr
Kim Cass, b
Dan Weiss, d

Eine Fülle des Wohllauts

Das Noah Preminger Quartet aus New York jazzt erstmals im Pappelgarten

Spielerische Virtuosität und polyphone Strukturen sind Kennzeichen dieses klavierlosen Quartetts, das mit publikumswirksamer Eingängigkeit aufwartet: Das Noah Preminger Quartet negierte im Pappelgarten musikalische Grenzen und sorgte gleichzeitig für beste Stimmung.

Nur wer den ganzen Kosmos der Töne und Harmonien beherrscht, kann es sich leisten, mit zwei Bläsern, aber ohne Harmonieinstrument aufzutreten. Nur wer sein Instrument bis in den letzten Oberton kennt, darf es so prusten, jaulen, schmieren und quietschen lassen wie Noah Preminger. Mit viel Prägnanz und Ideenvielfalt zelebrierten der Saxofonist und seine Mitspieler Jason Palmer (Trompete), Kim Cass (Kontrabass) und Dan Weiss (Drums) mitreißenden Modernjazz, der mit verblüffender Klarheit aufwartete. Doch statt sich mit simplen Jazz- und Blues-Schemata zu begnügen, atmete die dichte Musik den melancholischen Widerstand des „blue feelings“, das wie nichts anderes den Klang des 20. Jahrhunderts geprägt hat.

Stilistisch jenseits aller Kategorien wurde mit ungezügelter Freude musiziert, zitiert, kombiniert. Doch was den Pappelgarten zeitweise zum Brodeln brachte, waren die Feinheiten: Bläsersätze, die unaufdringlich, aber enorm wirkungsvoll daherkamen, flirrende Harmonien der Blue Notes, rasante Wechsel zwischen erdigem Chorus und selbstvergessenen Soli, eine Mixtur aus perfektem Sound und spielerischer Virtuosität. Zuweilen sind es kleine, meist geschlossene Einheiten, die am Anfang stehen und von den beiden Bläsern variiert, gedehnt, umspielt, auseinander gebrochen werden.

Dabei fing alles recht betulich an…

Eindrucksvoll demonstrierten die vier Musiker aus Übersee, wie eingängig und fesselnd ein Konzert im Modernjazz-Bereich sein kann. Manche der längeren Stücke erinnerten fast schon an kleine Jazz-Suites, in der ein Thema langsam aufgebaut wird, um dann in einem kurzen Übergang in das nächste überführt zu werden. Ein höchst spannungsreicher, von filigraner Klangschönheit und intensivem Austausch bestimmter Diskurs zwischen vier exzellenten Musikern. Dabei fing alles recht betulich an: Bandleader Noah Preminger, Jason Palmer, Kim Cass und Dan Weiss konzentrierten sich vor der Pause mehr auf ihr Balladen-Repertoire als auf überhitzten Modernjazz.

So richtig ging es dann aber nach der Pause zur Sache: Preminger und Palmer suchten nun hörbar nach neuen Möglichkeiten der Kombination von Komposition und Improvisation, von strukturiertem und freitonalem Zusammenspiel. Bebop, Swing und vertrackte Bluesreminiszenzen flossen nun zu einem aufregenden Stil zusammen. „For Stalag 17“ hieß eines der kompositorisch durchweg sehr komplexen Stücke, in dem der 32-jährige Tenorsaxofonist und seine Mitmusiker ein rhythmisch verzahntes Thema mit allen Kniffen in die Mangel nahmen und die verschiedensten Stilsplitter zu einer ganz eigenen, so virtuosen wie abgedrehten Musik bündelten.

Das klang mal herb und sperrig, mal traditionell verwoben, und dann wieder so impulsiv, witzig und verschmitzt, als dürfen Helge Schneider oder Chilly Gonzales mitkomponieren. Beeindruckend auch, wie dicht und packend das Quartet nun insgesamt auftrat. Da wurde weder mit beeindruckenden Soli, noch mit spritzigen Improvisationen gespart. Die Stationen des Jazz von Bebop bis Modernjazz wurden einerseits voll ausgekostet, andererseits überzeugten die Vier mit unter die Haut gehenden Eigenkompositionen.

Was die Musiker des Noah Preminger Quartets an musikalischen Zwiegesprächen produzierten, hätte Thomas Mann vielleicht wie einst im „Zauberberg“ beschrieben: Eine „Fülle des Wohllauts“.

Jürgen Spieß