30 Jahre Wiedereröffnung das Jazzkellers Esslingen (1/3)

Teil 1: Die Begeisterung für Jazz wird geweckt
Im Jahr 1957 gründeten junge jazzbegeisterte Esslinger einen Club, aus dem sich in der Folge der bis heute existierende Jazzkeller Esslingen entwickelte. Nach einer längeren Phase der Schließung kam es 1995 zur Wiedereröffnung dieses legendären Spielortes.
Udo Klinner, Jahrgang 1939, war nicht nur Mitbegründer des Jazzkellers, sondern auch Autor und neben Alexander Maier Mitherausgeber des im Jahr 2000 erschienenen Bandes „Musik aus Mauern – Chronik des Esslinger Jazzkellers“. Im Rahmen der Recherchen zu einer geplanten Ausstellung zur Jazzstadt Esslingen führte der Verein Deutsches Jazzmuseum e.V. mit ihm folgendes Interview. Die Fragen stellte Wolfgang Epple.
Udo, dein Herz schlägt seit Jahrzehnten für den Jazz. Wie kam es zu deiner Begeisterung für Jazz?
Nun ja, das fing schon in jungen Jahren an, als wir – zuerst über das Radio, über AFN zumal – unsere ersten Hörerlebnisse hatten. Und als wir – Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre – erste Möglichkeiten hatten, Jazzkonzerte zu besuchen, merkte ich, dass ich mehr und mehr an dieser Musikrichtung Gefallen fand.
Es lag in erster Linie am rhythmischen Hintergrund. Es war der Rhythmus, der uns alle, die davon begeistert waren, bewegte. Wir merkten, dass diese Musik etwas anders gestaltet war, dass sie etwas Außergewöhnliches war.
Ich erinnere mich mit großem Respekt an das Esslinger Konzert des Kurt Edelhagen Orchesters im Kugelsaal, dem ehemaligen Festsaal in der Bahnhofstraße – das war, wenn man so will, der erste Jazztempel der Stadt – mit Gaststar Caterina Valente. Und Kurt Edelhagen machte mit seinen zwanzig Mann eine Musik, das war unglaublich. Caterina Valente war eine fantastische Solistin mit großem Jazzfeeling – das merkten wir alle und waren natürlich begeistert. Ich hatte das Glück, über eine Treppe in den Kellerraum gehen zu dürfen, wo ich mir von Caterina Valente mein allererstes Autogramm geben ließ. Es war ein Riesenerlebnis.
Später kam dann auch mal Hazy Osterwald nach Esslingen, und auch viele Stuttgarter Jazz-Größen waren zu hören. So hat sich das langsam entwickelt, bis schließlich eine Gruppe von Gleichgesinnten auf die Idee kam, einen Club zu gründen, um ein ständiges Domizil für die gemeinsame Begeisterung zu haben. Und dann haben wir eben einen Verein gegründet.
Wie alt warst du zu der Zeit?
Da war ich knapp 20 Jahre alt. Jeder von uns hatte so seine Vorlieben. Ich persönlich war ja eigentlich Nichtmusiker, wollte aber gerne Schlagzeug spielen. Aber mein damaliger Schlagzeuglehrer merkte sehr bald, dass mein Talent nicht ausreichte, um weiterzumachen.
Du hattest einen Schlagzeuglehrer?
Ja, also Lehrer ist eigentlich zu viel gesagt, wir hatten einen Schlagzeuger in unserer Gruppe, der bereit war, uns in regelmäßigen Abständen zu unterrichten, um an dem Instrument ebenfalls „etwas zu werden“. Leider war mir der Erfolg nicht vergönnt. Und so habe ich meinen Weg dann als Genießer, als Konsument, als Hörer, später dann als Berichterstatter gefunden.

Ich will noch mal auf den Kugelsaal zurückkommen, den du erwähnt hast. Da fanden doch sicher nicht nur Jazzkonzerte statt.
Ja, andere Musikarten wurden auch gespielt. Der Kugelsaal war ja in erster Linie für alle möglichen Festivitäten vorgesehen. Da fanden Hochzeiten statt, die üblichen Abschlussbälle von Tanzkursen, es wurden Geburtstage und Jubiläen gefeiert. Das waren die Haupteinnahmequellen des damaligen Besitzers. Aber es gab auch musikalische Unterhaltung anderer Art, volkstümliche Musik, bayerische Folklore…. Jazz war eigentlich eher selten. Umso glücklicher und stolz waren wir, dass auch unsere musikalische Richtung vertreten war.
Welche Rolle haben denn die amerikanischen Soldaten in der Stadt gespielt?
Ja, die Amerikaner, die kamen von Nellingen runter, aus den Nellingen Barracks. Sie hatten im Grunde genommen nur zwei, drei Interessen: Sie wollten Begeisterung, Unterhaltung – und Mädchen. Wir wiederum waren daran interessiert, damals begehrte Dinge wie Zigaretten, Chewing Gum und so weiter zu bekommen. Und wir hatten natürlich Interesse daran, von den Amerikanern die damals in Deutschland noch sehr schwer zu findenden Jazzplatten zu erstehen. Und die haben wir dann auch tatsächlich durch allerlei Tauschgeschäfte erstanden. Ich hatte das Glück, einen amerikanischen Soldaten kennenzulernen, der sich für Jazz interessierte, was zur Folge hatte, dass wir von ihm in die Kaserne eingeladen wurden. Wir mussten dazu immer große Anmelde-Prozeduren durchlaufen, die aus Sicherheitsgründen notwendig waren. Eines Tages hatten wir das unwahrscheinliche Glück, die Duke Ellington Big Band in den Nellingen Barracks zu erleben. Duke Ellington in Nellingen! Wir hatten alle eine Gänsehaut, als wir Musiker wie Johnny Hodges, Cat Anderson und all diese Größen leibhaftig vor uns sahen und hörten. Es war unglaublich. Diese Erlebnisse bleiben ein Leben lang haften.
Wie war es möglich, dass ihr überhaupt in die Barracks kamt?
Das war so: Wir brauchten immer einen amerikanischen Soldaten als Paten. Der wiederum musste seinen Vorgesetzten fragen, ob er uns zu bestimmten Veranstaltungen als Gäste in die Kaserne mitbringen darf, was in den meisten Fällen auch klappte. Der Pate empfing uns dann mit seinem Vorgesetzten am Eingang. Wir mussten natürlich unsere Personaldaten angeben und die Ausweise, soweit schon vorhanden, abgeben. Dann hatten wir die Möglichkeit, DM in Dollar umzutauschen und uns so richtig sattzuessen. Es gab Hamburger – sooo dick! –, Pommes Frites, Coca-Cola. Das alles war neu für uns. Und dann gab es eben Unterhaltung: Boxkämpfe, mit Vorliebe Schwarz gegen Weiß!, sogenannte Floorshows, bei denen leicht bekleidete deutsche Mädchen tanzten, und vor allem Rock ‘n‘ Roll. Jazz wurde nicht so oft gespielt. Gegen Mitternacht, nachdem wir unsere Papiere wieder am Gate abgeholt hatten, fuhren wir mit der Straßenbahn wieder nach Esslingen. Und der Zauber, der amerikanische Zauber, war vorbei.
Teil 2 des Interview: Ein Club wird gegründet
Teil 3 des Interview: Der Jazzkeller wird wieder eröffnet
