Cyros Chestnut Trio im Jazzclub Bix Stuttgart 2026
Cyrus Chestnut (p)
Darryl Hall (b)
Bernd Reiter (dr)
Stuttgart, 13.2.2026
Sinnlicher spiritueller Swing im Keltenkaftan
Und wieder mal ein ausverkauftes BIX mit einem Ausnahmekünstler an den Tasten mit altbekannten Gesichtern als Begleiter. Die Verantwortlichen des Jazzclubs beweisen immer wieder, dass sie ein Händchen haben bei der Auswahl der Musiker, die hier im renommierten Stuttgarter Jazzclub auftreten. Immer wieder sind es bekannte Gesichter, die als mehrfache Wiederholungstäter zum beliebten „Jazz-Tatort BIX“ zurückkehren. Auch an diesem Abend sind die Sidemans von Pianist Cyros Chestnut wohlbekannt. Es ist kaum drei Wochen her, da saß der österreichische Schlagzeuger Bernd Reiter vor Ort bei „Via con Te“ hinterm BIX-Drumset und Bassist Darryl Hall gab sich in anderen Konstellationen ebenfalls schon mehrfach die Ehre. Auch für den schwergewichtigen großen Mann im Kaftan (der mit großen Keltenkreuzen bedeckt ist), ist es keine Premiere hier auf der Bühne zu stehen, wie er bei seiner Eröffnungsansage bemerkt.
Es ist das letzte Konzert einer ausgedehnten Europatour und sie sind schon ziemlich erschöpft, betont er, aber sie werden nochmal „High Energy“ in diesen letzten Auftritt legen. Und dies ist von Beginn an spürbar, dass die drei Musiker perfekt eingespielt sind und zudem noch energetisch perfekt harmonieren. Das Trio beginnt den Abend sanft swingend, Hall und Reiter glänzen gleich mit eindrucksvollen Solis und erschaffen schon in den ersten Minuten eine Atmosphäre der Begeisterung.
Spiritueller Masterpiece-Jazz trifft Klassik
Chestnut betont in seinen Ansagen immer wieder, wie wichtig ihm der „Spirit“ in seiner Musik ist, was wahrscheinlich nicht zuletzt dem geschuldet ist, dass er nach seiner Ausbildung am Klavier, die er von seinem Vater erhielt, oft in der „Baptist Church“ seiner Heimatstadt die Tasten bediente. Er möchte „Melodien konstruieren, die Geschichten über die Liebe und das Leben erzählen„, unterstreicht Cyrus Chestnut und das funktioniert an diesem Abend wunderbar. Neben Klassikern wie Autumn Leaves, die er mit einfallsreichen Verzierungen anreichert, findet er bei seinen eigenen Kompositionen immer wieder eine perfekte Balance zu seinen Mitspielern. Der Sound ist eine Mischung zwischen „Coffee-House-Jazz“, und filigranem Masterpiece-Jazz unterlegt mit spannungsgeladenen Beats.
Die Rhythmuswechsel, die von Drummer Reiter initiiert werden, wirken völlig selbstverständlich und es ist fantastisch zu hören, wie es den drei Musikern gelingt zwischen dichten Tontrauben und klaren, schlanken Passagen umzuschalten. Dabei schimmert in Chestnuts Spiel immer wieder sein Faible für den Gospel durch, während er auf der anderen Seite auch Einflüsse der gesamten Traditionslinie des Jazzpianos von Earl Hines über Wynton Kelly und Bud Powell bis zu Oscar Peterson und Herbie Hancock aufzeigt. Ganz gleich, ob Beethovens Mondscheinsonate, oder Saties Gymnopedie, Chestnut kleidet diese klassischen Werke in ein völlig neues musikalisches Gewand. Er umschmeichelnd diese Melodien und versetzt sie mit äußerst kreativen Fragmenten, die das Ganze zu einem wahrhaftigen Hörgenuss erblühen lassen.
Unermüdlicher „Live-Performer“ mit Seele und voller Energie
Wenn man die Bezeichnung „musikalisch ganz im Hier und Jetzt“, bemühen möchte, so trifft das selten so genau auf einen Musiker zu wie auf Cyrus Chestnut. Bei seinen Statements zwischen den Stücken geht ganz klar hervor, dass die Seele im Zusammenspiel mit seinem Geist, diese zutiefst spirituelle hochklassige Musik erschaffen, wobei es auch einige Einflüsse andere Jazzgrößen wie zum Beispiel dem tschechischen Bassisten George Mranz gibt. Eine Melodie die er in Prag von Mranz hörte inspirierte ihn zu einem balladenhaften Song, der traumwandlerisch daherkommt und von Reiter und Hall sensitiv und zurückhaltend untermalt werden. Während des Stückes herrscht eine knisternde Spannung und Stille im Club, die nur durch ein paar unsensible Bargänger und ihr „Geplapper“ durchbrochen wird. Man spürt dass es Chestnut liebt, live auf der Bühne zu stehen und ein unermüdlicher vor Ideen sprühender „Live-Performer“ zu sein.
Bei „Shizzle-Shake“ wechselt das Ganze wieder in die rhythmische und mitreißende Spielart. Die Melodien perlen aus Chestnuts Fingern, er erbaut Melodiebögen, die von Reiter und Hall erst angetrieben werden und dann durch virtuose Solos an Bass und Schlagzeug unterbrochen werden. Die stilistische Spannweite reicht an diesem Abend von Gospel und Spirituals zum Honky-Tonk-Sound über Straight-Ahead-Jazz bis hin zu völlig überraschenden Ausflügen in alle möglichen Felder der Musik.
Chestnut tourt seit Jahrzehnten unermüdlich mit verschiedenen Trios durch die Welt, und es ist die Erfahrung, die man als Konzertbesucher fühlt und vor allem ist es die authentische Freude, die er seinem Publikum bereiten möchte, die man als Zuhörer spürt. Und so endet nach 120 Minuten ein musikalischer, poetischer Hörgenuss, der den Besuchern an diesem Abend auch noch als „Zugabe“ ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Harald Kümmel
Portraits von Darryl Hall
Portraits von Bernd Reiter
Portraits von Cyros Chestnut









