Fred Nardin Trio

Pappelgarten Reutlingen am 22.2.2020

Fred Nardin, piano
Or Bareket, bass
Leon Parker, drums

Das Fred Nardin Trio präsentiert im Pappelgarten leidenschaftlichen Pianojazz

Aufgeraute Lyrik

REUTLINGEN. Sie stammen aus Frankreich, Israel und den USA: Die Formation um den französischen Pianisten Fred Nardin spielte am Samstagabend im gut besuchten Pappelgarten während ihrer zwei Sets virtuos und gleichzeitig mit viel Leidenschaft und Hingabe auf.

Fred Nardin beginnt mit einem schwebendem Klavierintro, Bass und Schlagzeug fädeln sich ein, später schälen sich aus dem Gruppenklang Soli und Duos heraus. Dazu Kompositionen im Spannungsfeld zwischen lyrischen Tonmalereien und dynamischem Bebop, verfremdete Jazzklassiker, Eigenkompositionen. Der 32-jährige Pianokünstler aus Saint-Remy spielt mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Routiniers, in leisen Balladen wie „Lost in your eyes“ so sicher wie in den rasanten Abgehnummern eines schnellen Bebops. Dennoch ist das keine Musik des fröhlichen „easy listenings“, die Grundstimmung des Abends ist mal getragen, mal beswingt, manchmal geradezu avantgardistisch, wenn Fred Nardin beispielsweise auf seinem Klavier in den oberen Registern verloren wirkende Klangfragmente beisteuert.

Dann ist der eher schüchtern wirkende Pianist ganz in seinem Element, wechselt fortwährend die Tempi und entführt sein Publikum in eine Welt der musikalischen Kommunikation. Auch seine Mitspieler sprühen nur so vor kreativer Spiellust, die sie konsequent in ihr Spiel integrieren. Ein Konzert, das zu jeder Minute durch seine Geschlossenheit überzeugt. Typisch für den Pianisten, der 2014 als Orchesterleiter der Popsängerin Zaz ihr Album „Paris“ einspielte, ist sein überaus klarer Grundton, mit dem er sein Spiel auf eine emotionale Ebene verlagert.

An der Seite des Pianisten steht mit dem in New York lebenden israelischen Bassisten Or Bareket und dem US-Schlagzeuger Leon Parker ein Duo, das wie der Bandleader die Kunst der Andeutung und des Spannungsaufbaus versteht. Dadurch schaffen sie der Musik enormen Raum, geben ihr eine großzügige Freiheit und erzählerischen Atem. Beide Musiker zeigen sich als autonome Begleiter, die sich als eigenständige Partner im Trio einfügen und Akzente vor allem nach der Pause zu setzen verstehen.

Was bei nicht so versierten Musikern in Beliebigkeit enden würde, das beugt sich bei dem Fred Nardin Trio einem zwischen Thelonious Monk und Esbjörn Svensson anzusiedelnden pianistischen Personalstil. Der Schlüssel dazu heißt emotionale Virtuosität. Hinter jeder der vielen Noten steht eine Dringlichkeit, ein feines Gespür für Nuancen. Wird die Melodik üppiger, fällt der Pianist und Arrangeur ins Stakkato und entfaltet eine leidenschaftlich grundierte Energie. Das Komplexe wird so ganz einfach, und das Einfache gewinnt zugleich an Komplexität.

Wie viel Improvisation – ein bekanntlich nicht unerhebliches Kriterium im Jazz – im scheinbar ausgeklügelten Zusammenspiel der drei Musiker noch Platz findet, ist nicht mehr zu erkennen und letztendlich auch nicht so wichtig. Dem Pappelgarten und seinen gut 80 Besuchern beschert das Fred Nardin Trio jedenfalls ein weiteres musikalisches Highlight.

Jürgen Spieß